Routine

3 Jan

7:30 Uhr.

Mein Wecker klingelt. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und hoffe, dass der Tag mich dort nicht findet. Zu spät. Da steht er schon, grinst breit und zeigt mir seine Goldkronen.

7:31 Uhr.

Unter der Decke schmiede ich einen Plan. Ich werde den Tag heute verwirren. Heute werde ich alles anders machen. Ich werde der Routine ein Schnippchen schlagen. Besser noch. Ich breche ihr beide Beine, damit sie mich nicht mehr einholen kann.

7:35 Uhr.

Ich stehe auf. Das ist schon mal überraschend. Gehe Richtung Küche, bleibe aber 5 Minuten verpeilt im Flur stehen und verirre mich anschließend im Bad.

7:45 Uhr.

Mache mir einen Pott Kaffee und gehe den Rest der Familie wecken. Beschließe dann besser noch abzuwarten und Tee zu trinken.

8:30 Uhr.

Heute nehme ich mal nicht den Bus, sondern fahre mit dem Auto zur Arbeit. Ich lege den Rückwärtsgang ein und fahre los. Auf dem Weg zur Innenstadt mache ich einen Stopp an meiner Haltestelle und nehme noch ein paar Busfahrer mit.

8:40 Uhr.

629.896. Die Zahl kommt mir beim fahren plötzlich in den Sinn. Und die will ich jetzt spontan durch 17 teilen. Fahre rechts ran, weil ich mich auf dem Seitenstreifen einfach besser konzentrieren kann.

9:30 Uhr.

Ich komme zu spät ins Büro. Meine Mitfahrer übrigens auch. Kopfrechen ist halt nicht meine Stärke.

10:00 Uhr.

Team-Meeting. Auf dem Weg dahin stehle ich einen Schokoriegel vom Tisch meines Kollegen und lege ihm zum Dank ein anonymes Weißbrot mit Presswurstbelag hin.

11:48 Uhr.

Versuche bis 11:49 die Luft anzuhalten.

13:00 Uhr.

Mittagspause. Gehe in die nahe gelegene Kirche, nehme mir heimlich Hostien aus dem Tabernakel und spüle sie mit einem tiefen Schluck Weihwasser runter. Danach mache ich ein Nickerchen im Beichtstuhl und denke mir einige Sünden aus.

13:40 Uhr.

Auf dem Rückweg ins Büro wühle ich im Müll, weil man da immer etwas findet, das man künstlerisch verarbeiten kann.

14:00 Uhr.

Komme wieder im Büro an, nagele eine fettige Burger King-Tüte an die Wand und schreibe mit Edding darunter: „Kunst muss sich nicht rechtfertigen“.

15:30 Uhr.

Team-Meeting. Ich gehe nicht hin. Kann meinem Kollegen einfach nicht in die Augen schauen.

17.00 Uhr.

Schmeiße ein brennendes Streichholz in den Flur und verlasse das Büro über meine selbst gebastelte Feuertreppe. Auf dem Nachhauseweg halte ich an der Tankstelle, weil ich noch Lebensmittel brauche.

17:51 Uhr.

Habe das Katzenfutter vergessen. Fahre noch mal in den Supermarkt.

18:29 Uhr.

Komme endlich zu Hause an. Muss aber noch einmal los. Habe vergessen zu tanken.

21:59 Uhr.

Setze mich an den Computer und schreibe diesen Text.

23:43 Uhr.

Gehe zu Bett und stelle beunruhigt fest: Im Groben war es ein Tag wie jeder andere.

0:00 Uhr.

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Eine Antwort to “Routine”

  1. Steffi Eissele März 18, 2011 um 7:12 pm #

    wunderbar!
    lg steffi

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