Mutters(chw)ein

6 Jan

In einer besonders couragierten Phase meines Lebens habe ich Kinder gezeugt. Rückwirkend bin ich aber nicht sicher, in wie weit Verliebtheitshormone und andere halluzinogene Substanzen bei der größten Entscheidung meines bisherigen Lebens eine Rolle spielten.

Jetzt habe ich drei kleine Kinder und ein Problem. Andere Mütter.

Es bleibt sicher nicht aus, dass, wenn man Kinder hat, sich Gesprächsthemen häufig um Kinder drehen. Ich selbst hätte nie geglaubt, wie umfangreich man über Windeln referieren kann. Mittlerweile belaufen sich die aufgelaufenen Kosten unserer Fäkalienfänger auf dem Niveau eines Neuwagens. Insofern höre ich mir Ratschläge von erfahrenen Müttern auch gerne an, wenn ich auf der anderen Seite etwas einsparen kann.

Überraschender Weise sind es nicht diese herzlichen Mütter, die mich nerven, es sind diese Super-Mamis, die ihr Muttersein wie einen Workflow abarbeiten und ihren Nachwuchs behandeln wie ihr Projekt. Ich spüre den unglaublichen Druck, der auf diesen Frauen lastet. Sie gebären sich wie übereifrige Projekt-Managerinnen, die ihrer Brut alles bieten wollen, was die Start- und Aufstiegschancen im Leben vermeintlich erhöhen.

Panik kommt auf, wenn die kleine Hanna Leonie mit 5 Monaten noch nicht sitzen kann. Sofort werden dramatische Entwicklungsverzögerungen vermutet und sie rennen in die Notaufnahme. Mit „das verwächst sich schon“, mache ich mir einfach keine Freundinnen auf dem Spielplatz. Und ich mag auch nicht mit dem kleinen Leon Lucas darüber diskutieren, warum er meinem Sohn nicht mit der Schippe auf den Schädel hauen darf. Das Ding wird von mir mit bösem Blick wieder eingezogen. Und das war´s.

Heerscharen von Müttern karren auf dem Rücksitz eine ganze Generation zu allen möglichen Alpha- Kinder-Veranstaltungen: Baby-Yoga, Gebärden-Sprachkuse, Malen nach Zahlen… Ich kenne 6-järige, deren Terminkalender es locker mit dem eines Top-Manager aufnehmen könnte. Unterm Strich ist es aber der verängstigte Versuch einer erodierenden Mittelschicht, sich vor dem Proletariat abzugrenzen und sich gleichzeitig eine Elitezugehörigkeit vorzugaukeln.

Ich halte mich so gut es geht von diesem Stress fern und versuche meine Kinder Kind sein zu lassen. Wichtiger finde ich, ist ihre Neugier zu wecken, ihre Beobachtungsgabe zu entwickeln, und ihnen zu helfen, die richtigen Fragen zu formulieren. Das klappt übrigens ganz prima von zu Hause. Ich habe Zuversicht, dass sich der Rest dann von alleine einstellt. So wie bei mir damals.

Ich ging zu Schule, machte am Nachmittag leidlich meine Hausaufgaben und begab mich danach auf die Straße zum Spielen. Manchmal spielten wir Federball. Manchmal hingen wir kopfüber von einer Teppichstange und waren ein Zirkus. Manchmal malten wir uns auch nur mit Stöcken einen Wohnungsgrundriss in den Kies und mimten Vater-Mutter-Kind. Wir hatten kein Handy. Wir stromerten durch unser Viertel, und meine Eltern wussten häufig für Stunden nicht wo ich bin. Abends kam ich mit aufgeschürften Knien nach Hause und wurde ohne große Fragen mit einem warmen Kakao, einer Schinkenstulle und einem Pflaster liebevoll verarztet.

Ich machte Abitur, lernte was kaufmännisches und studierte was technisches. Ich spreche 5 Sprachen, verstehe die komplexen Sachverhalte in der Weltpolitik und kann spontan meinen Heimatort auf der Weltkarte finden. Ich habe eine wunderbare Familie und einen Job, den ich gerne mache.Ich habe mir meinen Erkenntnisdrang, meinen Spieltrieb und meine Neugierde bewahrt. Ich komme einfach zurecht.

Das liegt  wohl daran, dass meine Eltern Vertrauen in mich hatten, und mich ließen, frühzeitig meine eigenen kleinen Wege zu gehen.

Und für diese Gelassenheit bin ich ihnen unendlich dankbar.

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Eine Antwort to “Mutters(chw)ein”

  1. Steffi Eissele März 18, 2011 um 7:29 pm #

    jaja, die windelgespräche… ich habe diese mutter-kind-gruppen gemieden wie die pest. nichts hat mich mehr genervt, als mütter die alles besser wissen…
    sehr sympatisch!
    lg steffi

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