Wer hat an der Uhr gedreht…?

27 Mrz

…ist es wirklich schon so spät / stimmt es, dass es sein muß´ / ist für heute wirklich Schluß?!?

Seit über 30 Jahren trällert dieser rosa Zeichentrick-Oldie sein Uhren-Lied, und fast genauso lange wird die europäische Schicksalsgemeinschaft regelmäßig von einer Plage heimgesucht. Der Sommerzeit. Ein Übelbleibsel aus Kriegs- und Krisenzeiten.

Versprochen wurden uns durch die Vorverlegung der Stunde eine bessere Nutzung des Tageslichts und eine spürbare Energieersparnis. Tatsächlich ist es bei mir morgens einfach nur später warm und abends früher spät. Was habe ich davon? Also, ich will das nicht.

Viel unerfreulicher aber, als meine monatliche Stromrechnung, ist mein Gemütszustand während der Sommerzeit. Seit heute, um genau zu sein, seit dem 27. März 02:00 Uhr MESZ, leide ich mal wieder unter chronischer Müdigkeit, totaler Verpeiltheit und äußerst schlechter Laune. Ein paar Tage ist meine Umwelt zweifelsohne gewillt mir alles Mögliche nachzusehen. Mein regelmäßiges Zuspätkommen etwa, auch meine phlegmatische Mundfaulheit, mitunter sogar meine gelegentliche geistige Abwesenheit. Aber bis Oktober? Wochen-, ja monatelang bin ich ein Schatten meiner selbst, und mir bleibt nichts anderes übrig, als aggressiv darauf zuzuwarten, und dass meine Mitbürger wieder richtig ticken. Den meisten meiner Bekannten und Kollegen scheint die Umstellung von Beginn an nichts auszumachen. „Das wird schon nach ein paar Tagen“, höre ich von allen Seiten.

Wird es eben nicht.

Aufschlussreicher als das Sternzeichen eines Menschen ist meines Erachtens der Chronotyp. Da gibt es zum einen die Lerchen, die frühmorgens schon so gutgelaunt rumzwitschern, dass man ihnen am liebsten den Schnabel umdrehen möchte. In einer, von Lerchen und Rechtshändern dominierten Welt, sind linkshändige Eulen, wie ich, eine soziale Randgruppe. An Scheren, Dosenöffner und nicht witzige Linkshänderwitze kann man sich mit der Zeit gewöhnen. Aber nicht an das frühe Aufstehen. Nicht als echte Eule.

Abends laufe ich zur Tagesbestform auf. Dann bin produktiv und gutgelaunt und könnte Bäume mit Links ausreißen. Vor 02.00 Uhr morgens werde ich einfach nicht müde. Da helfen weder Schäfchenzählen, noch warme Socken, und auch kein warmes Bier. Schuld daran ist meine genetische Prädisposition. Seit mehr als 70 Jahren ist bekannt, dass sogar Einzeller eine innere Uhr besitzen. Aber Arbeitgeber und früh klingelnde Postboten interessiert es wenig, wie es tief drinnen in mir aussieht. Und so sind komplexe soziale Lerchen-Zwänge der Grund für meinen allmorgendlichen Kampf gegen die Natur.

Besonders der Oktober ist für mich ein qualvoller Monat. Als ein Schatten meiner selbst wache ich auf und blicke in pechfinstere Lichtlosigkeit. Ich sehe nichts. Nichts, wofür es sich lohnt aufzustehen. Ich fühle mich regelrecht bettlägerig. Mein Hausarzt verschreibt mir dann regelmäßig Baldrian und Hopfen und empfiehlt mir dringend eine andere Zeitzone. Aber wo soll ich hin? Als ob das so einfach wäre. Es handelt sich hierbei doch nicht um ein isoliertes staatliches Problem, sondern um groben gesamteuropäischen Unfug. Es gibt jedoch die berühmte Ausnahme von der Regel. Und die heißt in diesem Fall Island. Die Isländer nämlich machen bei der Uhrumstellung einfach nicht mit. Warum sollten sie auch? Wo es dort im Sommer sowieso rund um die Uhr hell und im Winter so gut wie immer dunkel ist. Also bleibe ich zu Hause und sitze das Zeitparadoxon eben dort aus.

Von Zeit zu Zeit frage ich mich, wo sich die eine fehlende Stunde zwischen März und Oktober eigentlich befindet. Vermutlich wird sie von unseren gesetzlichen Zeitdieben gegen Ihren Willen festgehalten, irgendwo, hinter dicken Mauern, in einem Hochsicherheitstrakt der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt. Bewacht von finster dreinblickenden Atomuhren, sitzt die arme Stunde in Braunschweig in der Gegenwartsfalle, und wird um ihre Zukunft betrogen.

Auch in Gedenken an die bedauerliche Stunde versuche ich die Umstellung zu ignorieren, indem ich einfach keine Uhren umstelle. Schadenfreudige Charaktere sehen darin vielleicht den Grund, warum ich so machen Zug und so viele andere soziale Fahrpläne in den Sommermonaten verpasse.

Aber eins, das werde ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Die Wiedergutmachung am Sonntag, den 30. Oktober um 03:00 Uhr. Zur Feier des Tages werde ich mir etwas Schönes gönnen. Eine neue Uhr vielleicht, oder einen Zweitwohnsitz auf Island. Auch wenn es jetzt den Anschein erweckt, dass meine gute Laune sich zu zurückgekehrter Stunde dann wieder einpendelt, bin ich immer gewiss, dass die Zeitdiebe uns bald wieder bestehlen werden.

Ist nur eine Frage der Zeit.

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Eine Antwort to “Wer hat an der Uhr gedreht…?”

  1. renate März 26, 2012 um 10:32 am #

    musste doch sehr schmunzeln bei diesem Beitrag!

    So fängt die Woche gut an ….

    Liebe Grüße
    Renate

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