Kinder Krieg(en)

18 Aug

Schwanger sein ist sooooo toll (kicher…)

Ich sag euch was. Nöööö, ist es nicht. Du kotzt permanent in Ecken. Oder du musst dauernd essen. Du schwillst an. Kriegst Wasser in den Beinen. Das Kind drückt auf die Blase. Ständig musst du aufs Klo. Und irgendwann schaffst du es gar nicht mehr dahin. Dann kannst du es nur laufen zu lassen. Aber es bleibt dir eine Ausrede. “Meine Fruchtblase ist geplatzt”. Meine platzte sagenhafte zehn Mal im letzten Schwangerschaftsmonat.

Schwanger sein ist eine wahre Freude. Ein echter Segen (seufz…)

Lassen wir mal die Kirche im Dorf. Und den Fötus im Uterus. Bleiben wir mal sachlich. Da wächst etwas in dir heran. Neun Monate lang. Und ernährt sich von deinem Körper. Ich denke nicht, dass das ein Segen ist. Ich denke, das ist ein Parasit. Das ist die klassische Definition von Parasit.

Und wenn schon einen Parasiten haben, kann es nicht einer von der Sorte sein, bei dem man Gewicht verliert? Ein Bandwurm vielleicht? Bandwürmer kommen auch nicht 18 Jahre später auf dich zu, und fragen dich nach 1.000 Euro für den Führerschein. Nein, das hat uns die Natur so eingebrockt. Bestimmt wegen dem Sündenfall. Als Strafe für unsere Wolllust.

Wer von euch war bei einem Schwangerschafts-Vorbereitungskurs? Im Ernst. Welcher schwule Vorturner* hat sich diese Hechelübungen ausgedacht? Diese, bei denen man tief in den Schmerz einatmen, und ihn gleichzeitig annehmen soll? Das mag vielleicht im Darkroom hilfreich sein, und seine Richtigkeit haben. Aber im Kreissaal nicht. Hier herrschen andere Gesetze. Hier herrscht die Hebamme.

Bei meiner ersten Geburt stand mir eine ehemalige ostdeutsche Diskuswerferin zur Seite, die nach der Wende auf Geburtshelferin umgeschult hatte. Ohne Vorwarnung griff Svetlana mir zwischen die Beine, steckte drei Finger in meine Vagina, rührte darin ein bisschen herumrum und sagte: ” Muttarmuund ist sich erst vierrr Zentimetar geeffnet. Wird dauern mit Kiend. Wir prifan in ajner Stunde wiedar das.”

Weisst du, was mein Muttermund dir gleich sagt?! Da will was raus! Und das ist ZIEMLICH GROSS!!. DA WILL ICH NICHT NOCH DICH DRIN HABEN!!!! NIMM SOFORT DEINE FINGER AUS MIR!!!!

Die Geburt war sooo schön (kicher..). Das war der schönste Tag in meinem gaaanzen Leben (kicher…)

Was sind das für Frauen, die das behaupten? Welche Drogen nehmen die? In Wirklichkeit sind das Schmerzen nicht gekannten Ausmaßes. Der doppelte Armbruch beim Kastensprung im Sportunterricht, damals in der 8. Klasse, kommt mir rückwirkend vor wie eine Streicheleinheit.

Und wehe, wehe, wenn die Wehen kommen. Und mit einer unbeschreiblichen Wucht zuschlagen. Sie brechen über dich herein, wie ein Tornado mit Windstärke 12. Und du bist das Auge, und kannst nur hilflos zusehen.

Seien wir mal ehrlich. In diesen Momenten ist auch nicht alles Kind, was da so rauskommt. Und dann liegst du da, als humanitäres Katastrophengebiet, in einer Lache aus Fruchtwasser, Blut und Fäkalien, und in diesem Moment sagt der Arzt zu deinem Mann: ” Kommen sie nach vorne! Schauen sie! Man kann das Köpfchen schon sehen!”.

Aber du brüllst:
STOP!!!!!
SPERRGEBIET!!!
NICHT WEITERGEHEN!!!
SCHULTERHÖHE!!!. MAXIMAL SCHULTERHÖHE!!!
DAS IST DIE GRENZE!!!
WENN DAS AUSSIEHT,WIE ES SICH ANFÜHLT, DANN WILLST DU DAS NICHT SEHEN!!!! SCHATZI!!!!!!!
ICH KANN DAS AUCH NICHT SEHEN!!!
REIN ANATOMISCH GAR NICHT MÖGLICH!!!
UND ICH BIN FROH DARÜBER!!!

UND WARUM BIST DU ÜBERHAUPT HIER?!?!?!

Aber irgendwann, ist das Kind dann endlich da. Und du denkst an die vielen Frauen zurück, die mal zu dir sagten:

Natürlich tut´s ein bischen weh (kicher…),
aber wenn das Baby dann auf deiner Brust liegt, hast du alles vergessen.
Das ist der schööööönste Moment deines Lebens (seufz…)

Und du erkennst in diesem Moment: Sie lügen! Mein erster Gedanke nach der Geburt war, „jetzt versaut es auch noch mein Dekolleté, mit seiner Käseschmiere.” Und während ich auf mein vermatschtes und verknittertes Bündel schaue und darauf warte, dass mein Körper Serotonin ausschüttet, also dieses Hormon, welches berwirkt, dass wir Frauen unsere Babies süss finden, merke ich, wie Sveltlana sich unten herum wieder an mir zu schaffen macht.

An meinem Dammriss, so lang und tief wie der Mariannengraben, ist eine Fleischwunde unglaublichen Ausmaßes, die ich so nur aus Zombie-Filmen kannte. Ohne Vorwarnung, geschweige denn mit Betäubung, feuert Svetlana aus einem Hochleistungstacker eine Salve** Heftklammern auf mich, und kann gerade noch verhindern, dass ich nicht in der Mitte einfach auseinanderfalle.

Ungefähr eine Woche lang hatte ich noch diesen Rumpelstielzchen-Gang. Ich bin ständig von einem Bein aufs andere gesprungen. Weil Heftklammern im Schritt einfach nur schrecklich piecksen.

Warum hast ausgerechnet du dann drei Kinder geboren?

Gute Frage. Bleiben wir bei der Frage.

Mit Kindern ist ist wie mit dem Schreiben. Schreiben ist nicht schön. Es ist häufig ein langwieriger, quälender und schmerzhafter Prozess. Der dich wiederholt an deine Grenzen bringt. Du verfluchtst dich, dass jede Abusrdität, die dir im Alltag begegnet, sich fruchtbar in deinem Schädel einnistet, und zu einer Geschichte heranwächst. Und dass dann diese Kopfgeburten in reglemässigen Abständen ans Tageslicht wollen. Auf ein weisses Papier.

Geschrieben haben jedoch, das ist wunderbar. Magisch. Erfüllend. Eines der besten Gefühle auf Erden, die ich kenne.

So ähnlich geht es mir mit meinen Kindern. Kinder bekommen finde ich nicht schön. Kinder zu haben dagegen ist magisch. Jeden Tag aufs Neue. Meine Kinder sind das Beste, was ich in meinem Leben bisher zustande gebracht habe. Sie sind mein Wunder. Meine personifizierte Liebe. Mein Zuhause. Mein Halt.

Und es stimmt. Für die Kunst, den guten Humor und unser Menschsein gilt:

Schmerz ist die beste Basis für gute, wahrhaftige Taten und Werke.

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*    Ich bin für Gleichberechtigung. Und möchte deshalb Randgruppen in meine Witze integrieren.
** Es waren 5. Gefühlt jedoch 50.

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