Inkasso für Anfänger

5 Okt

Manchmal, wenn es mit meiner Kunst gerade nicht so gut läuft, muss ich umso kreativer werden in Sachen Geldverdienen.

Neulich abends, bei einem guten Tetra-Pack Rotwein, las ich folgende Anzeige: „Bestelle bei einem, dir völlig Unbekannten einen Container geschnitzte schiefe Eiffeltürme gegen Vorkasse, die du dann gewinnbringend weiterverkaufst.“

Es klang verlockend, und in Gedanken hing ich schon zwischen zwei Palmen in einer Hängematte. Völlig beschwingt von der Vorstellung überwies ich sofort an die 75-stellige Kontonummer. Und wartete. Und wartete.

Nach einer gefühlten Wartezeit, die der Bauzeit des echten Stahlfachwerkturms schon verdächtig nahe kam, fing ich an zu zweifeln. Vielleicht hatte sich ein Zahlendreher eingeschlichen? Vielleicht dauern Überweisungen nach Dasgeldistfutschistan einfach nur länger? Oder, ich wurde einfach nur verarscht.

Wie es dann so kam. Die Ware kam nicht, und ich war jetzt so richtig pleite. Und das bedeutet bei mir immer Furchtbares: ein Job muß her.

Ich hatte Glück. In meinem Haushalt wurde gerade ein professioneller Geldeintreiber gesucht, und ich bewarb mich sofort. Leider war ich nicht meine erste Wahl. Mein Hochschulabschluss und mein kultiviertes Wesen waren ein echter NO-GO. Aber ich konnte Inkassoerfahrung vorweisen. Theoretisch zumindest. Denn ich bin ein Mafia-Film-Fan. Ich litt mit den Corleones. Alle drei Teile hindurch. Ich ging mit ihnen solidarisch auf die Matratzen. Wegen der Pate-Filmmusik habe ich sogar das Akkordeonspielen erlernt.

Insofern war es für mich ein leichtes zu erkennen, in welchen Fällen man tote Fische auf die Fußmatte legt, und ab welcher Mahnstufe man auf Pferdeköpfe umsattelt. Meine Fischallergie verschwieg ich allerdings, und meine Sommerferien 1988 auf dem Reiterhof auch. Ich wollte diesen Job unbedingt, und deshalb versprach ich, mich nach Feierabend weiterzubilden. Über Zement zum Beispiel. Ich gab mir den Job und konnte sofort anfangen.

Auf der Internetseite, auf der ich den Container Geschnitztes bestellt hatte, fand ich die Büroadresse einer Du-mich-auch-AG, eingetragen auf einen Fredo F. Als gute Geldeintreiberin fuhr ich sofort hin und hörte mich erst einmal unauffällig in der Nachbarschaft um. Dabei lernte ich den Poststellen-Betreiber und den Grundschullehrer kennen. Bei dem Informanten handelte es sich nicht, wie zunächst angenommen, um eine multiple Persönlichkeit, sondern um ein sehr kleines Dorf.

Wie ich erfuhr, war die kleinkriminelle Ader bei Fredo bereits in der Grundschule auffällig gewesen. Damals hatte er schon versucht, Buchstaben, vorzugsweise das seltene Y, aus dem Alphabet zu stehlen und anderen Grundschulen unter der Hand anzubieten. Später dann  wollte er im osteuropäischen Ukulele-Import/-Export Fuß fassen. Irgend etwas lief aber schief, seitdem humpelt er. Das inspirierte ihn wohl zu den schiefen Eiffeltürmen. Das halbe Dorf hat für ihn geschnitzt. Die Produktion ruht aber bis auf weiteres, da er versehentlich die andere Hälfte bezahlt hatte.

Fredos Nachbar war eine echte Plaudertasche – und mein Aufzeichnungsgerät lief heimlich mit. Ich hatte genügend Information über die Zielperson zusammen. Fredo war ein harter Hund, aber mit diesen Informationen würde ich ihm ein Angebot machen, das er nicht ausschlagen kann:

Fredo,

wenn Du dass liest, bist du vielleicht schon nicht mehr. Diesmal hast du dich mit den Falschen angelegt. Jene Bestellung war im Auftrag der berüchtigten Eifel-Familie, die in sämtlichen Souvenirläden der Region das Kitschmonopol übernehmen will.

Die Clan-Mitglieder sind mächtig sauer. Ich habe sie leise flüstern hören über Ukulele-Belastungstests. Wie lange glaubst du, kann das menschliche Ohr „Ein bisschen Frieden“ ertragen, bevor es sich verflüssigt? Man munkelt, Florian Silbereisen steht mit der Familie ganz dick, und er ist ihnen noch einen Gefallen schuldig.

Fredo, wenn du mir mein Geld überweist, sagen wir, innerhalb der nächsten zehntel Sekunde, könnte ich noch ein gutes Wort für dich einlegen. Ansonsten sehe ich mich gezwungen, den Zement schon mal anzurühren. Ich habe da gerade ein neues Rezept gelesen. Zieht schwer nach unten und gelingt immer. Vielleicht ein letzter Gruß von jemandem, der nur sein Bestes zurück will.

Eine hundertstel Sekunde später war das Geld wieder auf meinem Konto. Gerade noch rechtzeitig, denn mittlerweile war ich so knapp bei Kasse, dass ich schon den Belag mit Brot essen musste.

Und dann habe ich vorhin einen todsicheren Tipp bekommen. Eine Kiste mit seltenen Primzahlen ist vom LKW gefallen. Bei Barkauf gibt es sogar eine Quadratwurzel gratis obendrauf. Gute Gelegenheiten wittere ich sofort.

Also, ich bin dann mal weg. Geschäfte. Ihr wisst schon.

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