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Meine Intimfeindin Ludmilla

1 Nov

Sobald man den Fernseher anmacht, ist man auch schon mittendrin im ganzen Tohuwabohu: Impotenz, Inkontinenz, Sodomie, Blasphemie, oder Gudruns Leben mit Horst IV – nichts kann dem Mensch peinlich genug sein, worüber er quatschen kann.  Sobald die Sprache aber auf ein Thema kommt, wird es plötzlich ganz still auf allen Kanälen:

Hämorrhoiden.

Hämorrhoiden sind eine Black Box. Sie gehören in die gleiche Gruppe wie Milz, Prostata oder Stammhirn. Irgendeine anatomische Funktion üben sie zwar alle aus, spontan weiß man aber nicht genau welche.

Statistisch müsste jeder, der das hier liest, Hämorrhoiden haben, und jeder zweite leidet deswegen. Ein Teil jetzt wegen der neuen Erkenntnis, überhaupt welche zu besitzen. Der größere Teil wohl wegen der Gewissheit, wie es sich anfühlt, wenn so eine Hämorrhoide das Tageslicht sehen will. Es ist, als ob eine, mit Stacheldraht ummantelte Bowlingkugel mit 500 km/h hinausgeschossen wird.

A NEW PAIN IS BORN.

Neben Kopfschmerzmitteln gehören Hämorrhoidensalben zu den meist verkauften Arnzneimitteln. Nur, gekauft haben will sie keiner. Und wenn man zufällig doch beim Kauf dieser Tuben ertappt wird, macht man angeblich Besorgungen für den bettlägerigen alten Nachbarn. Man war ja sowieso auf dem Sprung in die Apotheke, Kamillentee kaufen. Wegen der eigenen Magenverstimmung.

Richtig peinlich aber wird der Gang zum Proktologen. Dieser Adrenalinstoß, wenn man das Wartezimmer betritt. Sind etwa Bekannte drin, vielleicht sogar Arbeitskollegen? Und wenn ja, was sagt man da? Bei jedem anderen Arzt wäre das kein Problem: “Ich hab´ da ein Kratzen im Hals. Ich brauch mal wieder Urlaub auf Krankenschein”. Aber beim Proktologen? Was soll man da sagen? “Ich hab da eine Analfistel, die nässt ein bisschen?”

Proktologen, sind für mich Helden des Alltags. Heilige sogar. Anders kann ich mir sonst nicht erklären, wie der tägliche Anblick so vieler kranker Arschgesichter auszuhalten ist.

Und es gibt so viele von uns. Aber statt die Hämorrhoide einzuziehen, sollten wir gemeinsam aufstehen und erhobenen Hinterteils offen über unsere Pein berichten.

Ich fange an. Ich werde euch von Ludmilla erzählen. So habe ich nämlich mein aufgeblasenes Gefäßpolster genannt. Ich will nicht ins Detail gehen, warum ich sie so nannte. Nur soviel sei gesagt. Mit diesem Namen assoziiere ich gar nichts Gutes.

Dabei fing alles so harmlos an. Jahrelang lebten wir beide wie in einer guten Wohngemeinschaft . Ich oben, sie unten. Jeder respektierte den Lebensraum des anderen. Und wir kamen uns nicht in die Quere.

Ich weiß bis heute nicht, was der Auslöser war, doch plötzlich machte sich Ludmilla breit in meinem Leben und fing an mich zu piesacken. Ich habe Sie zunächst sanft, aber bestimmt gebeten, sich ein wenig zurückzuziehen. Aber offensichtlich war die Gute auf Krawall aus und wollte sich nicht wieder in ihr Rektum verpissen.

Zuerst dachte ich, ich könnte den Ärger einfach aussitzen. Mit Kamillebädern. Aber Ludmilla war ein zähes Biest.  Meinen Beschimpfungen, selbst meiner Voodoo-Attacke hielt sie stand. Was mann über Vodoo wissen muss: Durch das Stechen in die Puppe soll dem Betroffenen Schmerz zugefügt werden. Dieser Stich ging mächtig nach Hinten los.

So konnte es mit uns nicht mehr weiterwuchern. Wir mussten professionelle Hilfe aufsuchen, und deshalb gingen wir gemeinsam zu einer Chirurgenberatung. Vielleicht war da ja noch was zu retten.

Schon nach der ersten Beratung mussten wir uns beide leider eingestehen, dass unsere Beziehung endgültig im Arsch war. Wir mussten uns trennen. Ein sauberer Schnitt wäre das beste. Kurz und schmerzhaft.

Etliche Kamillensitzbäder später: Anstatt froh und glücklich zu sein, dass Sie nun endlich weg war, war da auf einmal eine unerwartete Leere. Nach unserer operativen Trennung fühlte ich plötzlich einen neuen Schmerz, eine Verlustschmerz. Ludmilla war weg, und sie hatte die Trennung nicht überlebt. Noch heute ertappe ich mich gelegentlich dabei, wie ich melancholisch im Endoskopie-Bildband blättere und an alte Zeiten zurückdenke.

Ich muss lernen endlich loszulassen. Und, dann habe ich diesen Traum.

Ich habe einen Traum,
dass sich alle Ludmillas,Vladimirs und Davorkas
aus allen Darmwind-Richtungen zusammenschließen
zu einer rektalen Befreiungsfront.

Ich habe einen Traum,
dass eines Tages die Nation ihren Hintern erheben,
und ihre wahre Bedeutung auspupen wird:
Alle After sind gleich.

Ich habe einen Traum,
dass meine drei kleinen Kinder
eines Tages in einer Nation leben werden,
in der man sie nicht nach dem Grad
ihrer Hämorrhoidialvergrößerung,
sondern nach ihren inneren Organen beurteilt.

I have a pain, now!

Inkasso für Anfänger

5 Okt

Manchmal, wenn es mit meiner Kunst gerade nicht so gut läuft, muss ich umso kreativer werden in Sachen Geldverdienen.

Neulich abends, bei einem guten Tetra-Pack Rotwein, las ich folgende Anzeige: „Bestelle bei einem, dir völlig Unbekannten einen Container geschnitzte schiefe Eiffeltürme gegen Vorkasse, die du dann gewinnbringend weiterverkaufst.“

Es klang verlockend, und in Gedanken hing ich schon zwischen zwei Palmen in einer Hängematte. Völlig beschwingt von der Vorstellung überwies ich sofort an die 75-stellige Kontonummer. Und wartete. Und wartete.

Nach einer gefühlten Wartezeit, die der Bauzeit des echten Stahlfachwerkturms schon verdächtig nahe kam, fing ich an zu zweifeln. Vielleicht hatte sich ein Zahlendreher eingeschlichen? Vielleicht dauern Überweisungen nach Dasgeldistfutschistan einfach nur länger? Oder, ich wurde einfach nur verarscht.

Wie es dann so kam. Die Ware kam nicht, und ich war jetzt so richtig pleite. Und das bedeutet bei mir immer Furchtbares: ein Job muß her.

Ich hatte Glück. In meinem Haushalt wurde gerade ein professioneller Geldeintreiber gesucht, und ich bewarb mich sofort. Leider war ich nicht meine erste Wahl. Mein Hochschulabschluss und mein kultiviertes Wesen waren ein echter NO-GO. Aber ich konnte Inkassoerfahrung vorweisen. Theoretisch zumindest. Denn ich bin ein Mafia-Film-Fan. Ich litt mit den Corleones. Alle drei Teile hindurch. Ich ging mit ihnen solidarisch auf die Matratzen. Wegen der Pate-Filmmusik habe ich sogar das Akkordeonspielen erlernt.

Insofern war es für mich ein leichtes zu erkennen, in welchen Fällen man tote Fische auf die Fußmatte legt, und ab welcher Mahnstufe man auf Pferdeköpfe umsattelt. Meine Fischallergie verschwieg ich allerdings, und meine Sommerferien 1988 auf dem Reiterhof auch. Ich wollte diesen Job unbedingt, und deshalb versprach ich, mich nach Feierabend weiterzubilden. Über Zement zum Beispiel. Ich gab mir den Job und konnte sofort anfangen.

Auf der Internetseite, auf der ich den Container Geschnitztes bestellt hatte, fand ich die Büroadresse einer Du-mich-auch-AG, eingetragen auf einen Fredo F. Als gute Geldeintreiberin fuhr ich sofort hin und hörte mich erst einmal unauffällig in der Nachbarschaft um. Dabei lernte ich den Poststellen-Betreiber und den Grundschullehrer kennen. Bei dem Informanten handelte es sich nicht, wie zunächst angenommen, um eine multiple Persönlichkeit, sondern um ein sehr kleines Dorf.

Wie ich erfuhr, war die kleinkriminelle Ader bei Fredo bereits in der Grundschule auffällig gewesen. Damals hatte er schon versucht, Buchstaben, vorzugsweise das seltene Y, aus dem Alphabet zu stehlen und anderen Grundschulen unter der Hand anzubieten. Später dann  wollte er im osteuropäischen Ukulele-Import/-Export Fuß fassen. Irgend etwas lief aber schief, seitdem humpelt er. Das inspirierte ihn wohl zu den schiefen Eiffeltürmen. Das halbe Dorf hat für ihn geschnitzt. Die Produktion ruht aber bis auf weiteres, da er versehentlich die andere Hälfte bezahlt hatte.

Fredos Nachbar war eine echte Plaudertasche – und mein Aufzeichnungsgerät lief heimlich mit. Ich hatte genügend Information über die Zielperson zusammen. Fredo war ein harter Hund, aber mit diesen Informationen würde ich ihm ein Angebot machen, das er nicht ausschlagen kann:

Fredo,

wenn Du dass liest, bist du vielleicht schon nicht mehr. Diesmal hast du dich mit den Falschen angelegt. Jene Bestellung war im Auftrag der berüchtigten Eifel-Familie, die in sämtlichen Souvenirläden der Region das Kitschmonopol übernehmen will.

Die Clan-Mitglieder sind mächtig sauer. Ich habe sie leise flüstern hören über Ukulele-Belastungstests. Wie lange glaubst du, kann das menschliche Ohr „Ein bisschen Frieden“ ertragen, bevor es sich verflüssigt? Man munkelt, Florian Silbereisen steht mit der Familie ganz dick, und er ist ihnen noch einen Gefallen schuldig.

Fredo, wenn du mir mein Geld überweist, sagen wir, innerhalb der nächsten zehntel Sekunde, könnte ich noch ein gutes Wort für dich einlegen. Ansonsten sehe ich mich gezwungen, den Zement schon mal anzurühren. Ich habe da gerade ein neues Rezept gelesen. Zieht schwer nach unten und gelingt immer. Vielleicht ein letzter Gruß von jemandem, der nur sein Bestes zurück will.

Eine hundertstel Sekunde später war das Geld wieder auf meinem Konto. Gerade noch rechtzeitig, denn mittlerweile war ich so knapp bei Kasse, dass ich schon den Belag mit Brot essen musste.

Und dann habe ich vorhin einen todsicheren Tipp bekommen. Eine Kiste mit seltenen Primzahlen ist vom LKW gefallen. Bei Barkauf gibt es sogar eine Quadratwurzel gratis obendrauf. Gute Gelegenheiten wittere ich sofort.

Also, ich bin dann mal weg. Geschäfte. Ihr wisst schon.

Sonntagabendvergnügen

7 Sep

Schau ich jetzt den Tatort? Oder schau ich zur Abwechslung mal was anderes. Zugegeben, nach 25 Jahren des Tatort-Guckens können durchaus ein paar Ermüdungserscheinungen aufkommen. Auf Dauer Käsebrot ist selbst für den Käseliebhaber irgendwann zu einseitig.

Aber was soll man am Sonntagabend sonst gucken?

Ich browse also durch die Programmübersichten. Auf Vox läuft das Promi-Dinner. Ich kenne keinen einzigen dieser prominenten Menschen. Liegt es daran, dass ich alt werde, oder an deren Bedeutungslosigkeit für die TV-Landschaft?

Auf Pro7 läuft eine Liebes-Komödie. Leider bin ich dafür eine Generation zu alt , und für die TV-Schmonzette, die das ZDF den Zuschauern zumutet, einfach nicht dement genug.

Vielleicht Fußball auf RTL? Das wäre auch eine prima Alternative, wenn ich mir etwas aus Fußball machen würde.

Arte zeigt Spiel mir das Lied vom Tod. Ein Klassiker. Ich weiß. Aber ich hatte heute eigenlich nicht mehr vor zu weinen.

Ich browse weiter und stolpere über Serien in die ich nicht einsteigen will, Serien, an denen ich mich satt gesehen habe oder Serien, die einfach nur gleichsam dämlich und langweilig sind.

Es laufen ein paar informative Reportagen über die Kontinentalplattenverschiebungen oder über Kometen im Weltall. Aber mir ist gerade nicht nach informativ. Mir ist nach Abhängen. Sonntag Abend darf man das.

Meine twitter-timeline ist sich einig. Die Häfte kommentiert den Tatort, die andere Hälfte das Fußballspiel.

Der Tatort ist öde. Ich finde heute nichts im TV. Die übrigen Tage auch immer weniger. Im Grunde ist der Tatort meine einzige konstante Bindung zum Fernseher. Alle anderen sind weggebrochen. Viel unterhaltsamer ist es doch, sich sein Abendprogramm selbst zu mixen. Aus Sozialen Netzwerken, Streams, Online-Artikeln und -Büchern, Video-on-demand, Bilder-Galerien oder Blogs.

Mein 13-jähriger Sohn lächelt nur milde über meine Erkenntnis. Für ihn hat sich das statische Konzept „Fernsehen“ noch nie erschlossen. Unser Fernsehrer verwaist nun vollends im gemeinsamen Wohnzimmer. Jeder sampelt sich auf seinem  Bildschirm sein Unterhaltungsprogramm zusammen, wie er es möchte.

Ich stream mir die Welt,

wiedewiede sie mir gefällt…

Zeig mir wie du läufst, und ich sag dir wer du bist.

6 Sep

Gestern wurde ich Zeuge eines Diebstahls.

Vielmehr sah ich einen untersetzen Mann in Badelatschen mit einer dicken Tüte weglaufen. Sein Laufstil wirkte unsportlich und unbeholfen, was vermutlich mit seiner Kondition und seinem Schuhwerk zusammen hing. Gefolgt wurde der Dieb von einem englischen Touristen indischer Abstammung mit vergleichbarer Kondition und ähnlicher Fußbekleidung. Der Bestohlene blieb ohne Puste stehen drehte sich zu mir und fragte:

„Have you seen the thief?“
„Yes I have“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„It was a Romanian!“ schrie der Inder aufgeregt.
„Did you talk to him?“, fragte ich.
„No. But he runs like a Romanian.“

Meine 25% rumänischen Gene üben gerade das Laufen. Der Rest von mir guckt zu und grinst still vor sich hin.

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Hundeleben

30 Aug

Tiere in freier Natur und artgerechter Haltung sind irgendwie immer tätig. Sie sammeln Essbares, bauen Nester, schaben hier, buddeln da. Sie lausen sich, zwitschern munter vor sich hin. Oder sie sind damit beschäftigt still dazuliegen, so wie mein Hund Zorro, in seinem Premium-Hundekorb. Diese Tiere wirken zufrieden auf mich.

Meine Großeltern waren auch immer beschäftigt. Bereits vor dem Frühstück mussten die Tiere versorgt werden.  Danach wurde auf dem Feld gearbeitet. Oder am Haus gewerkelt, Käse gemacht, Marmelade gekocht, Sauerkraut eingelegt, ein Huhn geschlachtet, ein Kind gezeugt, Schnaps gebrannt, ein Schwein kastriert oder eine Cousine verheiratet. Es ging auf ihrem Hof eben so zu, wie es in vielen serbischen Dörfern in den 70er Jahren zuging.

Es war ein mühseliges Leben. Dennoch habe ich meine Großeltern niemals unzufrieden gesehen. Davon konnte ich mich in meinen Sommerferien regelmäßig überzeugen. Als Stadtkind war ich felsenfest davon ueberzeugt,  dass es an der wilden freien Natur und ihrer artgerechten Haltung lag. Es war ein selbstbestimmtes Leben, und es wurde täglich nur das gemacht, was meine Großeltern für richtig hielten. Die einzige, die meinen Grosseltern etwas vorschreiben konnte, war die Natur. Jede Taetigkeit hing vom richtigen Zeitpunkt ab: Saat aussetzen, Ernten, Schlachten, Cousinen verheiraten. Wurde die Saat nicht spätestens Februar gesetzt, würden die Stecklinge die sengende Mai-Sonne nicht überleben. Geschlachtet wurde im Herbst, und unverheiratete Cousinen wurden bis spaetestens 20 an den Mann gebracht.

Wenn meine Großeltern Geld brauchten, um Salz und Petroleum zu kaufen – eines der wenigen Dinge, die sie nicht selbst herstellten – fuhren sie auf den Markt und verkauften das, was sie entbehren konnten an Gemüse, Obst, Tiere oder unliebsamer Verwandtschaft.

Sich einfach hinzusetzen und nichts zu tun, das wäre meinen Großeltern nicht in den Sinn gekommen. Denn Arbeit gab es ja immer. Man wollte ja schliesslich eine reglemässige Mahlzeit auf dem Tisch haben. Ebenso frisches Trinkwasser. Und ein Dach über dem Kopf. Also haben meine Großeltern so lange Lehm mit Stroh vermischt und aufeinander gklatscht bis ein Haus draus wurde.  Sie haben nicht eher aufgehört zu  buddeln, bis sie auf trübes Grundwasser stiessen, welches immer wieder nachsickerte. Ausreichend genug, um einige Nutztiere damit zu tränken. Und die Überpopulation junger Kätzchen zu er…. Ach, lassen wir das.

Das eigene Trinkwasser musste allerdings geholt werden. Ein Mal am Tag machte sich mein Großvater auf den Weg, um frisches Trinkwasser zu besorgen, aus einer in etwa 500 Meter entfernten natuerlichen Quelle. Dazu trug er eine selbstgeschnitze Holzstange quer über seinen Schultern.  An den Enden waren längliche Vertiefungen eingekerbt. Tief genug, dass die Griffe der silbernen Metalleimer sicher darin verankert lagen. Mein Grossvater schleppte jeden Tag rd. 60 l Wasser, verteilt auf vier Eimer, einmal quer über seinen Acker.

Das Trinkwasser kam aus einem Felsloch. Man konnte bequem mit dem Arm hineingreifen und das klare Wasser mit einer Kelle abschöpfen. Die Kellen waren keine Plastik-Kellen. Es waren getrocknete Kürbisse mit dickem Bauch und langem schlankem Hals, der als Griff diente. Der Bauch wurde der Länge nach aufgeschnitten und ausgehöhlt.

Wieder zurueck in Deutschland gab es dann immer die gleichen Sommerferien-Geschichten zu hoeren:. Sandburgen bauen an der Nordsee, Rehegucken in der Lueneburger Heide. Kaffe und Kuchen bei Tante Lisbeth im Schwarzwald.

„Ach! Ihr habt doch alle keine Ahnung! Ich hab mir meine eigene Kelle geschnitzt. Mein Onkel brachte mir das Schiessen bei. Wir haben Rehe nicht nur geguckt, wir haben sie auch gegessen. Und ich war Brautjungfer bei meine Cousine  und durfte den ganzen Abend selbstgebrannten Sljivovic trinken.“

Das hab ich natürlich nicht gesagt. Nur gedacht. Irgendwie fand ich meine Sommerurlaube in den transsylvanischen Bergausläufern, verglichen mit Sommerferien an der Nordsee ziemlich anders. Irgendwie Hühnerfüsse statt Lachsbrötchen.

Trotdem. Insgeheim fühlte ich mich besonders. Sollten Ausserirdische jemals unsere Städte angreifen und alles in Schutt und Asche legen, ich würde souverän in den Wald rennen und dabei Gloria Gaynors „I will survive“ trällern. Von Bambi gucken und Rumsitzen am Kaffeetisch wird man halt nicht satt . Aber ich würde würde klarkommen. Meine Grossmutter hat mir beigebracht, welche Pilze giftig sind, und dass man sich Schlangen vom Leib hält, wenn man stampfend durch das hohe Gras läuft. Ich hab beim Hühner Schlachten geholfen. Und ich weiß, dass Hühnergedärme durchaus gut schmecken können, wenn man ordentlich Zwiebeln und Paprika dranmacht.

Dieses gute Gefühl begleitet mich schon mein ganzes Leben. Immer, wenn ich mal meinen Job verliere, sagte ich mir. „Was soll´s. Wer braucht schon Geld. Werd ich halt Selbstversorger. Ich gehe einfach auf unseren Bauernhof. Der liegt ja schon eine Weile brach. Gehört ja praktisch mir. Und nebenbei mache ich da ein irre teures Bootcamp auf. Für gestresste Top-Manager ohne Bodenhaftung, die sich in der Wildnis wieder erden wollen.“

Leider durchkreuzte mein Onkel meinen Lebensplan-B . Während des Bürgerkrieges schmiss er seinen unbezahlten Job als Ingenieur und kehrte der Hauptstadt Belgrad seinen halb verhungerten Rücken. Er ging zurueck auf`s Land, auf unser altes Familien-Gut. Innerhalb eines Jahres reaktivierte er den Hof, und er erblühte wieder wie in alten Tagen. Während dieser Zeit heiratete er eine Cousine 2. Grades. Schlecht fuer mich. Offensichtlich besaß diese Cousine einen Pfandschein, der beweisen konnte, dass mein Ur-Ur-Großvater  bei einem verhängnisvollen Kartenspiel einige Parzellen Land an ihre Familie verspielt hatte. Mein Erbanspruch war somit dahin.

Ich bin leider nie mehr wieder dort gewesen. Ich blieb in der Stadt hängen. Was soll´s. Mach ich eben Karriere. Gibt Schlimmeres. Ich bin ein guter Verlierer. Ist eh bequemer. Supermarkt in Fußnähe. Marmelade, Käse, Milch. Liegt alles abgepackt in den Regalen. Trotzdem finde ich es beruhigend zu wissen, wie ich im Notfall Käse, Brot, Sauerkraut und ein schnelles Pilzragout zaubern kann. Und Paprika und Tomaten gedeihen auch im Penthouse.

Mein serbischer Großvater und meine rumänische Grossmutter wussten. Willst du Tomaten? Dann sähe Tomaten. Willst du den Petrovic-Hof? Dann heirate Petrovics´Tochter. Willst du deinen Hof behalten? Dann vermehre dich schneller als die Albaner. Meine Großeltern haben noch direkt für Ihren Lebensunterhalt gearbeitet. Ihr Chef war die Natur. Ihr Verdienst die Naturalien.

Wir Städter nehmen traditionell lieber Geld statt Naturalien. Inflationstechnisch gesehen bleibt ein Ei immer  ein Ei. Aber das Dutzend kostet plötzlich 99 EUR. Wär mir persönlich dann zu teuer. Und dann wäre mir lieber, mein Kunde bezahlt mich mit Eiern. Macht er aber nicht. Hab ich Idiot ja vertraglich so mit ihm vereinbart. Ich wollte ja lieber buntes Papier mit Zahlen drauf. Und nun hab ich den Salat. Oder eben nicht.

Deshalb, liebe Städter,  werfen wir unsere Samen alle gemeinsam aus. Damit  Tomaten und Paprika in unseren Städten ungehindert wuchern können. Höhlen wir endlich unsere unnützen Zierkürbisse aus. Legen wir uns Huehner an. Kündigen wir unsere Rister-Rente und den Wertpapier-Fond. Und investieren statt dessen in Imker-Beteiligungen und Streuobstwiesen. Lasst uns Wände einreissen und Eigentumgswohnungen taktisch zusammen schliessen.

Aber zuerst muss ich dringend  mal meinen Schreitisch verlassen und mehr Zeit in der Natur verbringen. Meiner artgerechten Haltung zuliebe.

Komm Zorro. Gehen wir ein bisschen Gassi.

Urlaubspost

22 Aug

Ich hab Urlaub.

Endlich mal wieder Zeit für mich. Zeit zum Lesen beispielsweise. Oder zum Beantworten liegengebliebener Emails von Kollegen.

Heute las ich in der Zeitung, dass 62% der Deutschen im Urlaub vom Job gestört werden. Durch Emails und Fragen wie, wo denn ein bestimmtes Dokument abgespeichert sei. Ob Kollege Bauer den  Joghurt essen könne, den man im Firmenkühlschrank vergessen hat. Oder, ob man früher zurückkommen könne, um Urlaubsvertretung zu machen. Für die andere Kollegin, die auch gerade in Urlaub sei.

Ich gehöre auch zu den restlichen 38% Urlauber, die im Urlaub durch frühmorgentliche Anrufe der Eltern geweckt werden.

„Ach Kind, wie schön! Endlich haste Urlaub. Sie zu, dass du dich was entspannst. Und schlaf dich endlich mal richtig aus.“

Da liege ich nun, morgens um halb sieben, und denke darüber nach. Wie ich als junge Führungskraft in den 90ern drei Wochen in Urlaub gefahren bin. Ohne Internet. Ohne Handy. Ich war weg. UNERREICHBAR.

Wunderbar.

Vorzugsweise fuhr ich mit dem Auto nach Spanien. Wenn ich besonders gut drauf war, fuhr ich einfach weiter durch bis Portugal. War ja sowieso egal. Kein Mensch wusste, wo ich bin. Kein GPS dieser Welt konnte mich orten.

Ungefähr nach 2 Tagen des Eingewöhnens am Urlaubsziel habe ich mich dann zu Hause meist gemeldet. Aus einem dieser Call-Center, die es damals noch gab. Für die Jüngeren unter uns: Das waren die Vorgänger von Internet-Cafes, nur mit Telefonen. Teilweise noch mit Wählscheibe. Ich kaufte also für umgerechnet zwei Mark Telefonmünzen, bekam eine Kabine zugewiesen, und konnte anrufen:

“ Hallo? ..Hallo?.. Hörst du mich? …Knackt ein bisschen. …Ja. Mir geht´s gut….Alles prima. ….Super durchgekommen. Kein Stau. …..Wetter ist eine Wucht…..Hotel is auch supi……Der Strand auch.. ….Bin in….ähhh?…Wie heißt der Ort noch mal hier?…Oh Mist, die 2 Mark sind gleich durch….. Ich schreib noch ´ne Postkarte.“

Bis dahin sollte noch jede Menge anonyme und freie Zeit vergehen,  in der ich machen konnte, was ich will. Zum Beispiel stundenlang ungestört Fische beobachten. Oder betrunken in Hafenkneipen mit einheimischen Fischern einen herzzerreisenden Fado singen. Es bestand keine Gefahr, dass peinliche Fotos auf facebook landen, die mich als Fisch-Stalkerin outen. Und dass meine Kollegen morgens um 9:00 schon vor mir Bescheid wissen. Während ich noch ahnungslos im Bett liege und den portugiesischen Wein im Schlaf abbaue.

Etwa in der Mitte des Urlaubs , hielt ich dann auch Wort. Der Postkarten-Tag war gekommen.  Schliesslich sollte die Postkarte früher ankommen, als man selbst.  Für alle unter 20-jährigen zur Erklärung:, Die Postkarte ist so etwas wie der analoge Vorgänger von WhatsApp mit Bildanlage.

Die Bilder der Postkarte waren bereits fertig, und als wilde Kollage auf der Vorderseite der Karte abgedruckt. Die Rückseite war für den persönlichen Text vorgesehen. Ähnlich wie bei Twitter, waren die Zeichen durch die die Kartengrösse begrenzt. Natürlich habe ich mir die Postkarten ausgesucht mit dem größten Neideffekt und schrieb an meine Familie, Freunde und die Arbeitskollegen meist folgenden Text:

Wetter ist eine Wucht…..Hotel is auch supi……Der Strand auch…Bin in…ähhh?….das seht ihr ja auf der Vorderseite. Sonnige Grüsse!

Nach weiteren drei Tagen hatte ich es meist auch geschafft eine portugiesische Post zu finden, Briefmarken zu kaufen und meine Text-Bildnachricht endlich auf den Weg in die Heimat zu bringen.

Vereinzelt sieht man heute alte Menschen, die in Strand-Cafes sitzen, und in vorbildhafter Sütterlin-Schrift ihre Grüsse an die Lieben daheim gebliebenen schicken. Postkarten sterben genauso aus, wie diese Rentner. Genauso, wie Kodak-Filme und Schlecker-Märkte.

Nach drei Wochen war ich dann wieder zu Hause, und aus dem Urlaub zurück. Nach dem Auspacken meines Koffers stellte ich immer wieder erstaunt fest:  Die Erde hatte sich trotzdem weitergedreht. Auch die Arbeit lief entsprechend weiter. Meine Postkarte hing bereits an der Wand zwischen anderen Postkarten verreister Kollegen.

Dann nahm ich Platz an meinem Schreibtisch. Sortierte mich ein bisschen, stellte das Willkommensgeschenk – ein Plastik-Fisch – neben meinen Apple II , und machte tiefenentspannt da weiter, wo ich vorher aufgehört hatte.

Geht doch.

Kinder Krieg(en)

18 Aug

Schwanger sein ist sooooo toll (kicher…)

Ich sag euch was. Nöööö, ist es nicht. Du kotzt permanent in Ecken. Oder du musst dauernd essen. Du schwillst an. Kriegst Wasser in den Beinen. Das Kind drückt auf die Blase. Ständig musst du aufs Klo. Und irgendwann schaffst du es gar nicht mehr dahin. Dann kannst du es nur laufen zu lassen. Aber es bleibt dir eine Ausrede. “Meine Fruchtblase ist geplatzt”. Meine platzte sagenhafte zehn Mal im letzten Schwangerschaftsmonat.

Schwanger sein ist eine wahre Freude. Ein echter Segen (seufz…)

Lassen wir mal die Kirche im Dorf. Und den Fötus im Uterus. Bleiben wir mal sachlich. Da wächst etwas in dir heran. Neun Monate lang. Und ernährt sich von deinem Körper. Ich denke nicht, dass das ein Segen ist. Ich denke, das ist ein Parasit. Das ist die klassische Definition von Parasit.

Und wenn schon einen Parasiten haben, kann es nicht einer von der Sorte sein, bei dem man Gewicht verliert? Ein Bandwurm vielleicht? Bandwürmer kommen auch nicht 18 Jahre später auf dich zu, und fragen dich nach 1.000 Euro für den Führerschein. Nein, das hat uns die Natur so eingebrockt. Bestimmt wegen dem Sündenfall. Als Strafe für unsere Wolllust.

Wer von euch war bei einem Schwangerschafts-Vorbereitungskurs? Im Ernst. Welcher schwule Vorturner* hat sich diese Hechelübungen ausgedacht? Diese, bei denen man tief in den Schmerz einatmen, und ihn gleichzeitig annehmen soll? Das mag vielleicht im Darkroom hilfreich sein, und seine Richtigkeit haben. Aber im Kreissaal nicht. Hier herrschen andere Gesetze. Hier herrscht die Hebamme.

Bei meiner ersten Geburt stand mir eine ehemalige ostdeutsche Diskuswerferin zur Seite, die nach der Wende auf Geburtshelferin umgeschult hatte. Ohne Vorwarnung griff Svetlana mir zwischen die Beine, steckte drei Finger in meine Vagina, rührte darin ein bisschen herumrum und sagte: ” Muttarmuund ist sich erst vierrr Zentimetar geeffnet. Wird dauern mit Kiend. Wir prifan in ajner Stunde wiedar das.”

Weisst du, was mein Muttermund dir gleich sagt?! Da will was raus! Und das ist ZIEMLICH GROSS!!. DA WILL ICH NICHT NOCH DICH DRIN HABEN!!!! NIMM SOFORT DEINE FINGER AUS MIR!!!!

Die Geburt war sooo schön (kicher..). Das war der schönste Tag in meinem gaaanzen Leben (kicher…)

Was sind das für Frauen, die das behaupten? Welche Drogen nehmen die? In Wirklichkeit sind das Schmerzen nicht gekannten Ausmaßes. Der doppelte Armbruch beim Kastensprung im Sportunterricht, damals in der 8. Klasse, kommt mir rückwirkend vor wie eine Streicheleinheit.

Und wehe, wehe, wenn die Wehen kommen. Und mit einer unbeschreiblichen Wucht zuschlagen. Sie brechen über dich herein, wie ein Tornado mit Windstärke 12. Und du bist das Auge, und kannst nur hilflos zusehen.

Seien wir mal ehrlich. In diesen Momenten ist auch nicht alles Kind, was da so rauskommt. Und dann liegst du da, als humanitäres Katastrophengebiet, in einer Lache aus Fruchtwasser, Blut und Fäkalien, und in diesem Moment sagt der Arzt zu deinem Mann: ” Kommen sie nach vorne! Schauen sie! Man kann das Köpfchen schon sehen!”.

Aber du brüllst:
STOP!!!!!
SPERRGEBIET!!!
NICHT WEITERGEHEN!!!
SCHULTERHÖHE!!!. MAXIMAL SCHULTERHÖHE!!!
DAS IST DIE GRENZE!!!
WENN DAS AUSSIEHT,WIE ES SICH ANFÜHLT, DANN WILLST DU DAS NICHT SEHEN!!!! SCHATZI!!!!!!!
ICH KANN DAS AUCH NICHT SEHEN!!!
REIN ANATOMISCH GAR NICHT MÖGLICH!!!
UND ICH BIN FROH DARÜBER!!!

UND WARUM BIST DU ÜBERHAUPT HIER?!?!?!

Aber irgendwann, ist das Kind dann endlich da. Und du denkst an die vielen Frauen zurück, die mal zu dir sagten:

Natürlich tut´s ein bischen weh (kicher…),
aber wenn das Baby dann auf deiner Brust liegt, hast du alles vergessen.
Das ist der schööööönste Moment deines Lebens (seufz…)

Und du erkennst in diesem Moment: Sie lügen! Mein erster Gedanke nach der Geburt war, „jetzt versaut es auch noch mein Dekolleté, mit seiner Käseschmiere.” Und während ich auf mein vermatschtes und verknittertes Bündel schaue und darauf warte, dass mein Körper Serotonin ausschüttet, also dieses Hormon, welches berwirkt, dass wir Frauen unsere Babies süss finden, merke ich, wie Sveltlana sich unten herum wieder an mir zu schaffen macht.

An meinem Dammriss, so lang und tief wie der Mariannengraben, ist eine Fleischwunde unglaublichen Ausmaßes, die ich so nur aus Zombie-Filmen kannte. Ohne Vorwarnung, geschweige denn mit Betäubung, feuert Svetlana aus einem Hochleistungstacker eine Salve** Heftklammern auf mich, und kann gerade noch verhindern, dass ich nicht in der Mitte einfach auseinanderfalle.

Ungefähr eine Woche lang hatte ich noch diesen Rumpelstielzchen-Gang. Ich bin ständig von einem Bein aufs andere gesprungen. Weil Heftklammern im Schritt einfach nur schrecklich piecksen.

Warum hast ausgerechnet du dann drei Kinder geboren?

Gute Frage. Bleiben wir bei der Frage.

Mit Kindern ist ist wie mit dem Schreiben. Schreiben ist nicht schön. Es ist häufig ein langwieriger, quälender und schmerzhafter Prozess. Der dich wiederholt an deine Grenzen bringt. Du verfluchtst dich, dass jede Abusrdität, die dir im Alltag begegnet, sich fruchtbar in deinem Schädel einnistet, und zu einer Geschichte heranwächst. Und dass dann diese Kopfgeburten in reglemässigen Abständen ans Tageslicht wollen. Auf ein weisses Papier.

Geschrieben haben jedoch, das ist wunderbar. Magisch. Erfüllend. Eines der besten Gefühle auf Erden, die ich kenne.

So ähnlich geht es mir mit meinen Kindern. Kinder bekommen finde ich nicht schön. Kinder zu haben dagegen ist magisch. Jeden Tag aufs Neue. Meine Kinder sind das Beste, was ich in meinem Leben bisher zustande gebracht habe. Sie sind mein Wunder. Meine personifizierte Liebe. Mein Zuhause. Mein Halt.

Und es stimmt. Für die Kunst, den guten Humor und unser Menschsein gilt:

Schmerz ist die beste Basis für gute, wahrhaftige Taten und Werke.

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*    Ich bin für Gleichberechtigung. Und möchte deshalb Randgruppen in meine Witze integrieren.
** Es waren 5. Gefühlt jedoch 50.