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Inkasso für Anfänger

5 Okt

Manchmal, wenn es mit meiner Kunst gerade nicht so gut läuft, muss ich umso kreativer werden in Sachen Geldverdienen.

Neulich abends, bei einem guten Tetra-Pack Rotwein, las ich folgende Anzeige: „Bestelle bei einem, dir völlig Unbekannten einen Container geschnitzte schiefe Eiffeltürme gegen Vorkasse, die du dann gewinnbringend weiterverkaufst.“

Es klang verlockend, und in Gedanken hing ich schon zwischen zwei Palmen in einer Hängematte. Völlig beschwingt von der Vorstellung überwies ich sofort an die 75-stellige Kontonummer. Und wartete. Und wartete.

Nach einer gefühlten Wartezeit, die der Bauzeit des echten Stahlfachwerkturms schon verdächtig nahe kam, fing ich an zu zweifeln. Vielleicht hatte sich ein Zahlendreher eingeschlichen? Vielleicht dauern Überweisungen nach Dasgeldistfutschistan einfach nur länger? Oder, ich wurde einfach nur verarscht.

Wie es dann so kam. Die Ware kam nicht, und ich war jetzt so richtig pleite. Und das bedeutet bei mir immer Furchtbares: ein Job muß her.

Ich hatte Glück. In meinem Haushalt wurde gerade ein professioneller Geldeintreiber gesucht, und ich bewarb mich sofort. Leider war ich nicht meine erste Wahl. Mein Hochschulabschluss und mein kultiviertes Wesen waren ein echter NO-GO. Aber ich konnte Inkassoerfahrung vorweisen. Theoretisch zumindest. Denn ich bin ein Mafia-Film-Fan. Ich litt mit den Corleones. Alle drei Teile hindurch. Ich ging mit ihnen solidarisch auf die Matratzen. Wegen der Pate-Filmmusik habe ich sogar das Akkordeonspielen erlernt.

Insofern war es für mich ein leichtes zu erkennen, in welchen Fällen man tote Fische auf die Fußmatte legt, und ab welcher Mahnstufe man auf Pferdeköpfe umsattelt. Meine Fischallergie verschwieg ich allerdings, und meine Sommerferien 1988 auf dem Reiterhof auch. Ich wollte diesen Job unbedingt, und deshalb versprach ich, mich nach Feierabend weiterzubilden. Über Zement zum Beispiel. Ich gab mir den Job und konnte sofort anfangen.

Auf der Internetseite, auf der ich den Container Geschnitztes bestellt hatte, fand ich die Büroadresse einer Du-mich-auch-AG, eingetragen auf einen Fredo F. Als gute Geldeintreiberin fuhr ich sofort hin und hörte mich erst einmal unauffällig in der Nachbarschaft um. Dabei lernte ich den Poststellen-Betreiber und den Grundschullehrer kennen. Bei dem Informanten handelte es sich nicht, wie zunächst angenommen, um eine multiple Persönlichkeit, sondern um ein sehr kleines Dorf.

Wie ich erfuhr, war die kleinkriminelle Ader bei Fredo bereits in der Grundschule auffällig gewesen. Damals hatte er schon versucht, Buchstaben, vorzugsweise das seltene Y, aus dem Alphabet zu stehlen und anderen Grundschulen unter der Hand anzubieten. Später dann  wollte er im osteuropäischen Ukulele-Import/-Export Fuß fassen. Irgend etwas lief aber schief, seitdem humpelt er. Das inspirierte ihn wohl zu den schiefen Eiffeltürmen. Das halbe Dorf hat für ihn geschnitzt. Die Produktion ruht aber bis auf weiteres, da er versehentlich die andere Hälfte bezahlt hatte.

Fredos Nachbar war eine echte Plaudertasche – und mein Aufzeichnungsgerät lief heimlich mit. Ich hatte genügend Information über die Zielperson zusammen. Fredo war ein harter Hund, aber mit diesen Informationen würde ich ihm ein Angebot machen, das er nicht ausschlagen kann:

Fredo,

wenn Du dass liest, bist du vielleicht schon nicht mehr. Diesmal hast du dich mit den Falschen angelegt. Jene Bestellung war im Auftrag der berüchtigten Eifel-Familie, die in sämtlichen Souvenirläden der Region das Kitschmonopol übernehmen will.

Die Clan-Mitglieder sind mächtig sauer. Ich habe sie leise flüstern hören über Ukulele-Belastungstests. Wie lange glaubst du, kann das menschliche Ohr „Ein bisschen Frieden“ ertragen, bevor es sich verflüssigt? Man munkelt, Florian Silbereisen steht mit der Familie ganz dick, und er ist ihnen noch einen Gefallen schuldig.

Fredo, wenn du mir mein Geld überweist, sagen wir, innerhalb der nächsten zehntel Sekunde, könnte ich noch ein gutes Wort für dich einlegen. Ansonsten sehe ich mich gezwungen, den Zement schon mal anzurühren. Ich habe da gerade ein neues Rezept gelesen. Zieht schwer nach unten und gelingt immer. Vielleicht ein letzter Gruß von jemandem, der nur sein Bestes zurück will.

Eine hundertstel Sekunde später war das Geld wieder auf meinem Konto. Gerade noch rechtzeitig, denn mittlerweile war ich so knapp bei Kasse, dass ich schon den Belag mit Brot essen musste.

Und dann habe ich vorhin einen todsicheren Tipp bekommen. Eine Kiste mit seltenen Primzahlen ist vom LKW gefallen. Bei Barkauf gibt es sogar eine Quadratwurzel gratis obendrauf. Gute Gelegenheiten wittere ich sofort.

Also, ich bin dann mal weg. Geschäfte. Ihr wisst schon.

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Zeig mir wie du läufst, und ich sag dir wer du bist.

6 Sep

Gestern wurde ich Zeuge eines Diebstahls.

Vielmehr sah ich einen untersetzen Mann in Badelatschen mit einer dicken Tüte weglaufen. Sein Laufstil wirkte unsportlich und unbeholfen, was vermutlich mit seiner Kondition und seinem Schuhwerk zusammen hing. Gefolgt wurde der Dieb von einem englischen Touristen indischer Abstammung mit vergleichbarer Kondition und ähnlicher Fußbekleidung. Der Bestohlene blieb ohne Puste stehen drehte sich zu mir und fragte:

„Have you seen the thief?“
„Yes I have“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„It was a Romanian!“ schrie der Inder aufgeregt.
„Did you talk to him?“, fragte ich.
„No. But he runs like a Romanian.“

Meine 25% rumänischen Gene üben gerade das Laufen. Der Rest von mir guckt zu und grinst still vor sich hin.

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Hundeleben

30 Aug

Tiere in freier Natur und artgerechter Haltung sind irgendwie immer tätig. Sie sammeln Essbares, bauen Nester, schaben hier, buddeln da. Sie lausen sich, zwitschern munter vor sich hin. Oder sie sind damit beschäftigt still dazuliegen, so wie mein Hund Zorro, in seinem Premium-Hundekorb. Diese Tiere wirken zufrieden auf mich.

Meine Großeltern waren auch immer beschäftigt. Bereits vor dem Frühstück mussten die Tiere versorgt werden.  Danach wurde auf dem Feld gearbeitet. Oder am Haus gewerkelt, Käse gemacht, Marmelade gekocht, Sauerkraut eingelegt, ein Huhn geschlachtet, ein Kind gezeugt, Schnaps gebrannt, ein Schwein kastriert oder eine Cousine verheiratet. Es ging auf ihrem Hof eben so zu, wie es in vielen serbischen Dörfern in den 70er Jahren zuging.

Es war ein mühseliges Leben. Dennoch habe ich meine Großeltern niemals unzufrieden gesehen. Davon konnte ich mich in meinen Sommerferien regelmäßig überzeugen. Als Stadtkind war ich felsenfest davon ueberzeugt,  dass es an der wilden freien Natur und ihrer artgerechten Haltung lag. Es war ein selbstbestimmtes Leben, und es wurde täglich nur das gemacht, was meine Großeltern für richtig hielten. Die einzige, die meinen Grosseltern etwas vorschreiben konnte, war die Natur. Jede Taetigkeit hing vom richtigen Zeitpunkt ab: Saat aussetzen, Ernten, Schlachten, Cousinen verheiraten. Wurde die Saat nicht spätestens Februar gesetzt, würden die Stecklinge die sengende Mai-Sonne nicht überleben. Geschlachtet wurde im Herbst, und unverheiratete Cousinen wurden bis spaetestens 20 an den Mann gebracht.

Wenn meine Großeltern Geld brauchten, um Salz und Petroleum zu kaufen – eines der wenigen Dinge, die sie nicht selbst herstellten – fuhren sie auf den Markt und verkauften das, was sie entbehren konnten an Gemüse, Obst, Tiere oder unliebsamer Verwandtschaft.

Sich einfach hinzusetzen und nichts zu tun, das wäre meinen Großeltern nicht in den Sinn gekommen. Denn Arbeit gab es ja immer. Man wollte ja schliesslich eine reglemässige Mahlzeit auf dem Tisch haben. Ebenso frisches Trinkwasser. Und ein Dach über dem Kopf. Also haben meine Großeltern so lange Lehm mit Stroh vermischt und aufeinander gklatscht bis ein Haus draus wurde.  Sie haben nicht eher aufgehört zu  buddeln, bis sie auf trübes Grundwasser stiessen, welches immer wieder nachsickerte. Ausreichend genug, um einige Nutztiere damit zu tränken. Und die Überpopulation junger Kätzchen zu er…. Ach, lassen wir das.

Das eigene Trinkwasser musste allerdings geholt werden. Ein Mal am Tag machte sich mein Großvater auf den Weg, um frisches Trinkwasser zu besorgen, aus einer in etwa 500 Meter entfernten natuerlichen Quelle. Dazu trug er eine selbstgeschnitze Holzstange quer über seinen Schultern.  An den Enden waren längliche Vertiefungen eingekerbt. Tief genug, dass die Griffe der silbernen Metalleimer sicher darin verankert lagen. Mein Grossvater schleppte jeden Tag rd. 60 l Wasser, verteilt auf vier Eimer, einmal quer über seinen Acker.

Das Trinkwasser kam aus einem Felsloch. Man konnte bequem mit dem Arm hineingreifen und das klare Wasser mit einer Kelle abschöpfen. Die Kellen waren keine Plastik-Kellen. Es waren getrocknete Kürbisse mit dickem Bauch und langem schlankem Hals, der als Griff diente. Der Bauch wurde der Länge nach aufgeschnitten und ausgehöhlt.

Wieder zurueck in Deutschland gab es dann immer die gleichen Sommerferien-Geschichten zu hoeren:. Sandburgen bauen an der Nordsee, Rehegucken in der Lueneburger Heide. Kaffe und Kuchen bei Tante Lisbeth im Schwarzwald.

„Ach! Ihr habt doch alle keine Ahnung! Ich hab mir meine eigene Kelle geschnitzt. Mein Onkel brachte mir das Schiessen bei. Wir haben Rehe nicht nur geguckt, wir haben sie auch gegessen. Und ich war Brautjungfer bei meine Cousine  und durfte den ganzen Abend selbstgebrannten Sljivovic trinken.“

Das hab ich natürlich nicht gesagt. Nur gedacht. Irgendwie fand ich meine Sommerurlaube in den transsylvanischen Bergausläufern, verglichen mit Sommerferien an der Nordsee ziemlich anders. Irgendwie Hühnerfüsse statt Lachsbrötchen.

Trotdem. Insgeheim fühlte ich mich besonders. Sollten Ausserirdische jemals unsere Städte angreifen und alles in Schutt und Asche legen, ich würde souverän in den Wald rennen und dabei Gloria Gaynors „I will survive“ trällern. Von Bambi gucken und Rumsitzen am Kaffeetisch wird man halt nicht satt . Aber ich würde würde klarkommen. Meine Grossmutter hat mir beigebracht, welche Pilze giftig sind, und dass man sich Schlangen vom Leib hält, wenn man stampfend durch das hohe Gras läuft. Ich hab beim Hühner Schlachten geholfen. Und ich weiß, dass Hühnergedärme durchaus gut schmecken können, wenn man ordentlich Zwiebeln und Paprika dranmacht.

Dieses gute Gefühl begleitet mich schon mein ganzes Leben. Immer, wenn ich mal meinen Job verliere, sagte ich mir. „Was soll´s. Wer braucht schon Geld. Werd ich halt Selbstversorger. Ich gehe einfach auf unseren Bauernhof. Der liegt ja schon eine Weile brach. Gehört ja praktisch mir. Und nebenbei mache ich da ein irre teures Bootcamp auf. Für gestresste Top-Manager ohne Bodenhaftung, die sich in der Wildnis wieder erden wollen.“

Leider durchkreuzte mein Onkel meinen Lebensplan-B . Während des Bürgerkrieges schmiss er seinen unbezahlten Job als Ingenieur und kehrte der Hauptstadt Belgrad seinen halb verhungerten Rücken. Er ging zurueck auf`s Land, auf unser altes Familien-Gut. Innerhalb eines Jahres reaktivierte er den Hof, und er erblühte wieder wie in alten Tagen. Während dieser Zeit heiratete er eine Cousine 2. Grades. Schlecht fuer mich. Offensichtlich besaß diese Cousine einen Pfandschein, der beweisen konnte, dass mein Ur-Ur-Großvater  bei einem verhängnisvollen Kartenspiel einige Parzellen Land an ihre Familie verspielt hatte. Mein Erbanspruch war somit dahin.

Ich bin leider nie mehr wieder dort gewesen. Ich blieb in der Stadt hängen. Was soll´s. Mach ich eben Karriere. Gibt Schlimmeres. Ich bin ein guter Verlierer. Ist eh bequemer. Supermarkt in Fußnähe. Marmelade, Käse, Milch. Liegt alles abgepackt in den Regalen. Trotzdem finde ich es beruhigend zu wissen, wie ich im Notfall Käse, Brot, Sauerkraut und ein schnelles Pilzragout zaubern kann. Und Paprika und Tomaten gedeihen auch im Penthouse.

Mein serbischer Großvater und meine rumänische Grossmutter wussten. Willst du Tomaten? Dann sähe Tomaten. Willst du den Petrovic-Hof? Dann heirate Petrovics´Tochter. Willst du deinen Hof behalten? Dann vermehre dich schneller als die Albaner. Meine Großeltern haben noch direkt für Ihren Lebensunterhalt gearbeitet. Ihr Chef war die Natur. Ihr Verdienst die Naturalien.

Wir Städter nehmen traditionell lieber Geld statt Naturalien. Inflationstechnisch gesehen bleibt ein Ei immer  ein Ei. Aber das Dutzend kostet plötzlich 99 EUR. Wär mir persönlich dann zu teuer. Und dann wäre mir lieber, mein Kunde bezahlt mich mit Eiern. Macht er aber nicht. Hab ich Idiot ja vertraglich so mit ihm vereinbart. Ich wollte ja lieber buntes Papier mit Zahlen drauf. Und nun hab ich den Salat. Oder eben nicht.

Deshalb, liebe Städter,  werfen wir unsere Samen alle gemeinsam aus. Damit  Tomaten und Paprika in unseren Städten ungehindert wuchern können. Höhlen wir endlich unsere unnützen Zierkürbisse aus. Legen wir uns Huehner an. Kündigen wir unsere Rister-Rente und den Wertpapier-Fond. Und investieren statt dessen in Imker-Beteiligungen und Streuobstwiesen. Lasst uns Wände einreissen und Eigentumgswohnungen taktisch zusammen schliessen.

Aber zuerst muss ich dringend  mal meinen Schreitisch verlassen und mehr Zeit in der Natur verbringen. Meiner artgerechten Haltung zuliebe.

Komm Zorro. Gehen wir ein bisschen Gassi.

Urlaubspost

22 Aug

Ich hab Urlaub.

Endlich mal wieder Zeit für mich. Zeit zum Lesen beispielsweise. Oder zum Beantworten liegengebliebener Emails von Kollegen.

Heute las ich in der Zeitung, dass 62% der Deutschen im Urlaub vom Job gestört werden. Durch Emails und Fragen wie, wo denn ein bestimmtes Dokument abgespeichert sei. Ob Kollege Bauer den  Joghurt essen könne, den man im Firmenkühlschrank vergessen hat. Oder, ob man früher zurückkommen könne, um Urlaubsvertretung zu machen. Für die andere Kollegin, die auch gerade in Urlaub sei.

Ich gehöre auch zu den restlichen 38% Urlauber, die im Urlaub durch frühmorgentliche Anrufe der Eltern geweckt werden.

„Ach Kind, wie schön! Endlich haste Urlaub. Sie zu, dass du dich was entspannst. Und schlaf dich endlich mal richtig aus.“

Da liege ich nun, morgens um halb sieben, und denke darüber nach. Wie ich als junge Führungskraft in den 90ern drei Wochen in Urlaub gefahren bin. Ohne Internet. Ohne Handy. Ich war weg. UNERREICHBAR.

Wunderbar.

Vorzugsweise fuhr ich mit dem Auto nach Spanien. Wenn ich besonders gut drauf war, fuhr ich einfach weiter durch bis Portugal. War ja sowieso egal. Kein Mensch wusste, wo ich bin. Kein GPS dieser Welt konnte mich orten.

Ungefähr nach 2 Tagen des Eingewöhnens am Urlaubsziel habe ich mich dann zu Hause meist gemeldet. Aus einem dieser Call-Center, die es damals noch gab. Für die Jüngeren unter uns: Das waren die Vorgänger von Internet-Cafes, nur mit Telefonen. Teilweise noch mit Wählscheibe. Ich kaufte also für umgerechnet zwei Mark Telefonmünzen, bekam eine Kabine zugewiesen, und konnte anrufen:

“ Hallo? ..Hallo?.. Hörst du mich? …Knackt ein bisschen. …Ja. Mir geht´s gut….Alles prima. ….Super durchgekommen. Kein Stau. …..Wetter ist eine Wucht…..Hotel is auch supi……Der Strand auch.. ….Bin in….ähhh?…Wie heißt der Ort noch mal hier?…Oh Mist, die 2 Mark sind gleich durch….. Ich schreib noch ´ne Postkarte.“

Bis dahin sollte noch jede Menge anonyme und freie Zeit vergehen,  in der ich machen konnte, was ich will. Zum Beispiel stundenlang ungestört Fische beobachten. Oder betrunken in Hafenkneipen mit einheimischen Fischern einen herzzerreisenden Fado singen. Es bestand keine Gefahr, dass peinliche Fotos auf facebook landen, die mich als Fisch-Stalkerin outen. Und dass meine Kollegen morgens um 9:00 schon vor mir Bescheid wissen. Während ich noch ahnungslos im Bett liege und den portugiesischen Wein im Schlaf abbaue.

Etwa in der Mitte des Urlaubs , hielt ich dann auch Wort. Der Postkarten-Tag war gekommen.  Schliesslich sollte die Postkarte früher ankommen, als man selbst.  Für alle unter 20-jährigen zur Erklärung:, Die Postkarte ist so etwas wie der analoge Vorgänger von WhatsApp mit Bildanlage.

Die Bilder der Postkarte waren bereits fertig, und als wilde Kollage auf der Vorderseite der Karte abgedruckt. Die Rückseite war für den persönlichen Text vorgesehen. Ähnlich wie bei Twitter, waren die Zeichen durch die die Kartengrösse begrenzt. Natürlich habe ich mir die Postkarten ausgesucht mit dem größten Neideffekt und schrieb an meine Familie, Freunde und die Arbeitskollegen meist folgenden Text:

Wetter ist eine Wucht…..Hotel is auch supi……Der Strand auch…Bin in…ähhh?….das seht ihr ja auf der Vorderseite. Sonnige Grüsse!

Nach weiteren drei Tagen hatte ich es meist auch geschafft eine portugiesische Post zu finden, Briefmarken zu kaufen und meine Text-Bildnachricht endlich auf den Weg in die Heimat zu bringen.

Vereinzelt sieht man heute alte Menschen, die in Strand-Cafes sitzen, und in vorbildhafter Sütterlin-Schrift ihre Grüsse an die Lieben daheim gebliebenen schicken. Postkarten sterben genauso aus, wie diese Rentner. Genauso, wie Kodak-Filme und Schlecker-Märkte.

Nach drei Wochen war ich dann wieder zu Hause, und aus dem Urlaub zurück. Nach dem Auspacken meines Koffers stellte ich immer wieder erstaunt fest:  Die Erde hatte sich trotzdem weitergedreht. Auch die Arbeit lief entsprechend weiter. Meine Postkarte hing bereits an der Wand zwischen anderen Postkarten verreister Kollegen.

Dann nahm ich Platz an meinem Schreibtisch. Sortierte mich ein bisschen, stellte das Willkommensgeschenk – ein Plastik-Fisch – neben meinen Apple II , und machte tiefenentspannt da weiter, wo ich vorher aufgehört hatte.

Geht doch.

Pein und Peinlichkeiten

14 Aug

Ach, was waren das für schöne Momente. Als meine Babies noch klein waren. Und im Grunde nichts taten. Es waren einfache Zeiten, mit einfachen Regeln. Sie lagen meist genau an der Stelle, an der ich sie zuvor abgelegt hatte. Frühstück war immer morgens zwischen drei und vier. Und die Windel wurde befüllt, genau an der 100-Meter-Marke nach Verlassen des Hauses.

Ihre Ansprüche waren ebenfalls simpel. Man konnte das Leben auf eine überschaubare Formel bringen: ESKK – Essen, Schafen, Knuddeln und Kacken.

Auch waren sie leicht zu unterhalten. Einfache Grimassen, ein Haitaitai-Knuddi-Puddi-Schubbeldidupp, und schon strahlten die dicken Mopsbacken.

Meine übermüdete Fresse, die strähnigen Haare und den Spinat von gestern, auf meinem T-shirt von vorgestern, nahm mir keines meiner Kinder jemals übel. Ich sah furchtbar aus und roch noch schlimmer. Das alles spielte aber keine Rolle. Denn ich war für sie ihre Heldin im Babykotze-Bademantel, die Trash Queen of the Castle, the Flodder of the Pack.

Die schönen Zeiten sind nun offensichtlich vorbei. Aus Babies werden Teenager. Und Dinge werden komplizierter. Denn Komplexe wachsen bekanntlich mit den Kindern.

Neuerdings bin ich meinen Kinder nur noch peinlich. Ständig bekomme ich von meiner Brut zu hören, das man dies & das nicht mehr machen sollte in meinem Alter. Ich bin peinlich wenn ich lache, wenn ich singe, wenn ich im Schwimmbad vom Fünfer eine Arschbombe springe. Wenn ich also diese ganzen lebensbejahenden Dinge tue.

“Entschuldigung sie bitte unsere Mutter, aber die lebt noch”.

Neulich wollte unsere älteste Tochter das erste Mal auf ein Rockkonzert. Dafür ist sie eigentlich noch zu jung. Also bin ich mitgegangen. Und was muss ich mir zum Dank anhören?

“Boah, Mama, ist schon peinlich genug, dass du mitkommst.
Aber bitte, nimm sofort das Pappschild runter. Das ist M-E-G-A-peinlich!
Und weiß Papa eigentlich, dass da draufsteht: Ich will nur Sex von dir! Kinder hab ich schon?!”

Diese undankbare Brut.

Denken meine Kinder einmal darüber nach, wie ich mich fühle? Wenn mein Sohn glaubt, den Swag zu haben? Aber nicht einmal einen Gürtel besitzt? Seine Hose hängt extrem tief. Die ganze Unterhose kann man sehen. Ich will die nicht sehen. Ich kenne diese Unterhose. Ich muß die ständig gewaschen.
Dann steht er mir auch noch den ganzen Tag breitbeinig im Weg herum. Weil sonst ja die Hose rutschtschen würde. In die Kniebeuge.

Oder nehmen wir meine Tochter. Muss die denn auf jedem T-Shirt vorne so ein blödes Katzengesicht tragen? Überhaupt, warum hat diese Katze eine alberne Schleife auf dem Kopf? Aber keinen Mund? Und wie gelingt der dämlichem Katze dieser dümmliche Gesichtsausdruck? So ganz ohne Mund?

Manchmal möchte ich am liebsten rufen: “Tschüss, Kitties! Bleibt, wo ihr seid“.

Gelegentlich ist mir danach, sie in freier Wildbahn irgendwo auszusetzen. Wie Hänsel & Gretel. Und dann möchte ich am liebsten ganz schnell wegzulaufen. Also, vor meiner Tochter. Was meinen Sohn betrifft, reicht auch gemütliches Schlendern. Der holt mich eh´nicht ein, in seiner Grätschhaltung.

Tu ich das? Nein. Natürlich nicht. Denn ich bin ihre Mutter. Ich begleite sie loyal durchs Leben. Wenigstens bis zur modischen Vollreife.

Jetzt hab ich mich aber heißgeredet.
Ich muss dringend meine Hitzewallung etwas abkühlen.
Ich geh dann mal los ins Schwimmbad.

Es wird Zeit für meine tägliche Arschbombe.

Mathe ist mein Mantra

7 Feb

Fragt man Kinder, was sie einmal werden wollen, wissen es Jungs häufig meistens genau: Astronaut, Castingstar, Harzer, oder vielleicht Einer-mit-viel-Kohle. Fragt man Mädchen, wollen die doch lieber etwas mit „Tieren, Medien oder Menschen und so“ machen. Um Berufe mit viel Mathe drin, machen viele einen großen Bogen, weil sie angeblich davon nicht viel Plan haben.

Frauen, die bis etwa Mitte Zwanzig zählen können, landen häufig in diesen klassischen Helferinnenberufen. Beim Arzt beispielsweise, beim Rechtsanwalt vielleicht an der Wursttheke, oder wo auch immer sie Männern zur Hand gehen können.

Und Frauen wie ich, die Karriere machen wollen, studieren. Vielleicht machen wir ein Diplom in Pferde-Fusspflege oder wir erwerben unseren Master in asiatischer Origami-Geschichte. Einen bezahlten Job finden wir später zwar nicht, aber zumindest können wir unsere Taxikunden mit selbst gefalteten Visitenkarten beeindrucken.

Da wundert es auch keinen, dass Rück-mich-wieder-zurecht-Kurse auf der ganzen Welt so gut besucht sind. Mit meist fernöstlichen Techniken wird dort dann versucht, dem Frust meditativ mal so richtig in den Hintern zu treten.

Dabei kann es so einfach sein. Man muss nicht unbedingt unverständliche indische Mantras vor sich hinsummen. Mann kann zu Hause auch so ganz prima entspannen – mit heimischer Mathematik zum Beispiel.

Das glaubt ihr mir jetzt nicht.

Dann lehnt euch mal entspannt zurück, und lasst folgende Worte nun auf euch wirken. Denn euer Leben wird nicht mehr das gleiche sein, wenn ihr die Weisheit des nächsten Absatzes in seiner ganzen Tiefe erfasst habt.

2+2 ist 4.

Na und? Das werden jetzt die meisten denken.

Aber, 2+2 ist auch morgen noch 4, und übermorgen, und in drei Millionen Jahren. Das klappt übrigens auch prima mit 3 + 1. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir uns auf die Mathematik verlassen können. Die Mathematik schafft Struktur, gibt uns somit Orientierung und schenkt uns Klarheit.

Selbst wenn man glaubt, das es nicht mehr weiter geht, weil man ganz unten angekommen ist, bei Null, auch da überrascht uns die Gute. Denn es geht weiter: –1, -2. –3…. Es kann noch so negativ werden, wir können so tief fallen. Die Mathematik fängt uns immer wieder auf. Das ist doch was wert.

Das hat doch was. Da kann sich die Welt von mir aus immer schneller drehen und verändern. Da kann der eigene Lebenslauf plötzlich in eine ganz andere Richtung laufen als man selbst. Da kann eine Demokratie durch eine Diktatur, D-Mark durch Euro, Raider durch Twix ersetzt werden. Na und? Sollen die mich doch alle verlassen.

Eines bleibt mir immer und ewig.

2 + 2 ist 4.

Und das finde ich beruhigend.

Ohm!

Verlegen, verlieren und nicht vinden

24 Jan

An einem guten Tag vergesse ich vielleicht mal einen Buchstaben. Aber an den restlichen, da läuft es bedeutend schlechter. An solchen Tagen ist meine Vergesslichkeit nämlich eine echte Zumutung für meine Familie, Freunde oder Außenstehende.

Ständig verlege ich Dinge. Meine Brille zum Beispiel, oder meine Autoschlüssel. Dann renne ich blind und verzweifelt umher und finde natürlich nichts. Und das ist erbärmlich anzusehen. Meistens hat  jemand der Anwesenden Mitleid und hilft mir beim Suchen. Mein Mann benötigt für das Finden meiner Brille mittlerweile unter drei Minuten. Das letzte Mal fand er sie im Kühlschrank, unten, im Gemüsefach, zwischen den Bierdosen. Nach jahrelangem Training ist er natürlich sehr erfahren im Aufstöbern meiner verlegten Wertsachen. Wir sind da ein eingespieltes Team. Ich weiß das wiederum sehr zu schätzen, und passe sehr auf, ihn nicht irgendwann auch noch zu verlieren.

Zum Dank vergesse ich dann gerne mal Geburtstage. Letzte Woche wollte ich mal wieder so ein von Herzen verspätetes Geschenk besorgen. Nur, ich kam gar nicht dazu, denn mein Auto war verschlossen. Also bin ich durch die kaputte Heckklappe einsteigen. Das brachte mich aber auch nicht wirklich weiter.  Heute Morgen habe ich die Schlüssel wieder gefunden. Aber jetzt habe ich vergessen, wo mein Auto parkt.

Wie ich es drehe und wende, mein Kopf scheint ständig zu klein zu sein für diese große Welt. Wie machen andere Menschen das bloß? Wie kommen die so durch den Tag? Wie kann man sich zum Beispiel die ganzen Details seiner 457 Facebook-Freunde merken?

Ich kann mir nicht einmal meine eigene Telefonnummer behalten. Aber die Zahl Pi kann ich mühelos zwölf Stellen nach dem Komma aufsagen. Mir ist auch bekannt, dass Indien aus 28 Bundesstaaten besteht und Jack the Ripper ein Linkshänder war. Wer hätte gedacht, dass das Herz eines Blauwals so an die 800 kg wiegt? Aber, was nutzt mir das? Finde ich deswegen mein Auto wieder?

Mein Kopf ist vollgemüllt mit nutzlosem Wissen. Ist ja auch kein Wunder. Mein ganzes Leben lang war ich verschiedenen Bildungsanstalten und allerhand Medien schutzlos ausgeliefert. Für das praktische Leben bleibt da jetzt nicht mehr viel Erinnerung übrig. Ohne eine tägliche To-do-Liste setzte ich keinen Fuß vor die Tür, sonst verliere ich mich eines Tages noch selbst.

Vom Vergessen ist es auch nur ein kleiner Schritt zum Verlieren. Damit meine ich nicht, wenn etwa ein Ohrring in den Gully fällt. Natürlich ist der weg, aber grob weiß man ja noch, wo er sich befindet. Ich meine eher den Zustand der totalen Dematrialisierung von Gegenständen. Eben noch da, und – schwuuupp – weg.

Nach genau 10 Tagen erkläre ich einen verlegten Gegenstand offiziell als verloren. Da gehe ich völlig professionell mit um. Ja, ich bin ein Verlierer. Das sage ich stolz und mit erhobenem Kopf schamlos frei heraus.

In neun von zehn Fällen sind wir doch Verlierer. Mal verlieren wir den Job oder den Partner, mal den Führerschein oder das Portemonnaie, häufig die Geduld und zum Schluss sogar unser Leben. Auch wenn es am Ende des Tages nur ein Büschel Haare ist. Weg ist weg. Ich fühle mich dem Verlierer einfach näher als dem Gewinner.

Glücklicherweise treffe ich erstaunlich viele Menschen, die das ähnlich sehen wie ich. Wenn auch in umgekehrtem Verhältnis. Aber das stört mich nicht. Im Gegenteil. Ich freue mir ein riesiges Loch in den Bauch. Denn so gewinne ich immer wieder herrlich schrägen Stoff für neue Geschichten.