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Hundeleben

30 Aug

Tiere in freier Natur und artgerechter Haltung sind irgendwie immer tätig. Sie sammeln Essbares, bauen Nester, schaben hier, buddeln da. Sie lausen sich, zwitschern munter vor sich hin. Oder sie sind damit beschäftigt still dazuliegen, so wie mein Hund Zorro, in seinem Premium-Hundekorb. Diese Tiere wirken zufrieden auf mich.

Meine Großeltern waren auch immer beschäftigt. Bereits vor dem Frühstück mussten die Tiere versorgt werden.  Danach wurde auf dem Feld gearbeitet. Oder am Haus gewerkelt, Käse gemacht, Marmelade gekocht, Sauerkraut eingelegt, ein Huhn geschlachtet, ein Kind gezeugt, Schnaps gebrannt, ein Schwein kastriert oder eine Cousine verheiratet. Es ging auf ihrem Hof eben so zu, wie es in vielen serbischen Dörfern in den 70er Jahren zuging.

Es war ein mühseliges Leben. Dennoch habe ich meine Großeltern niemals unzufrieden gesehen. Davon konnte ich mich in meinen Sommerferien regelmäßig überzeugen. Als Stadtkind war ich felsenfest davon ueberzeugt,  dass es an der wilden freien Natur und ihrer artgerechten Haltung lag. Es war ein selbstbestimmtes Leben, und es wurde täglich nur das gemacht, was meine Großeltern für richtig hielten. Die einzige, die meinen Grosseltern etwas vorschreiben konnte, war die Natur. Jede Taetigkeit hing vom richtigen Zeitpunkt ab: Saat aussetzen, Ernten, Schlachten, Cousinen verheiraten. Wurde die Saat nicht spätestens Februar gesetzt, würden die Stecklinge die sengende Mai-Sonne nicht überleben. Geschlachtet wurde im Herbst, und unverheiratete Cousinen wurden bis spaetestens 20 an den Mann gebracht.

Wenn meine Großeltern Geld brauchten, um Salz und Petroleum zu kaufen – eines der wenigen Dinge, die sie nicht selbst herstellten – fuhren sie auf den Markt und verkauften das, was sie entbehren konnten an Gemüse, Obst, Tiere oder unliebsamer Verwandtschaft.

Sich einfach hinzusetzen und nichts zu tun, das wäre meinen Großeltern nicht in den Sinn gekommen. Denn Arbeit gab es ja immer. Man wollte ja schliesslich eine reglemässige Mahlzeit auf dem Tisch haben. Ebenso frisches Trinkwasser. Und ein Dach über dem Kopf. Also haben meine Großeltern so lange Lehm mit Stroh vermischt und aufeinander gklatscht bis ein Haus draus wurde.  Sie haben nicht eher aufgehört zu  buddeln, bis sie auf trübes Grundwasser stiessen, welches immer wieder nachsickerte. Ausreichend genug, um einige Nutztiere damit zu tränken. Und die Überpopulation junger Kätzchen zu er…. Ach, lassen wir das.

Das eigene Trinkwasser musste allerdings geholt werden. Ein Mal am Tag machte sich mein Großvater auf den Weg, um frisches Trinkwasser zu besorgen, aus einer in etwa 500 Meter entfernten natuerlichen Quelle. Dazu trug er eine selbstgeschnitze Holzstange quer über seinen Schultern.  An den Enden waren längliche Vertiefungen eingekerbt. Tief genug, dass die Griffe der silbernen Metalleimer sicher darin verankert lagen. Mein Grossvater schleppte jeden Tag rd. 60 l Wasser, verteilt auf vier Eimer, einmal quer über seinen Acker.

Das Trinkwasser kam aus einem Felsloch. Man konnte bequem mit dem Arm hineingreifen und das klare Wasser mit einer Kelle abschöpfen. Die Kellen waren keine Plastik-Kellen. Es waren getrocknete Kürbisse mit dickem Bauch und langem schlankem Hals, der als Griff diente. Der Bauch wurde der Länge nach aufgeschnitten und ausgehöhlt.

Wieder zurueck in Deutschland gab es dann immer die gleichen Sommerferien-Geschichten zu hoeren:. Sandburgen bauen an der Nordsee, Rehegucken in der Lueneburger Heide. Kaffe und Kuchen bei Tante Lisbeth im Schwarzwald.

„Ach! Ihr habt doch alle keine Ahnung! Ich hab mir meine eigene Kelle geschnitzt. Mein Onkel brachte mir das Schiessen bei. Wir haben Rehe nicht nur geguckt, wir haben sie auch gegessen. Und ich war Brautjungfer bei meine Cousine  und durfte den ganzen Abend selbstgebrannten Sljivovic trinken.“

Das hab ich natürlich nicht gesagt. Nur gedacht. Irgendwie fand ich meine Sommerurlaube in den transsylvanischen Bergausläufern, verglichen mit Sommerferien an der Nordsee ziemlich anders. Irgendwie Hühnerfüsse statt Lachsbrötchen.

Trotdem. Insgeheim fühlte ich mich besonders. Sollten Ausserirdische jemals unsere Städte angreifen und alles in Schutt und Asche legen, ich würde souverän in den Wald rennen und dabei Gloria Gaynors „I will survive“ trällern. Von Bambi gucken und Rumsitzen am Kaffeetisch wird man halt nicht satt . Aber ich würde würde klarkommen. Meine Grossmutter hat mir beigebracht, welche Pilze giftig sind, und dass man sich Schlangen vom Leib hält, wenn man stampfend durch das hohe Gras läuft. Ich hab beim Hühner Schlachten geholfen. Und ich weiß, dass Hühnergedärme durchaus gut schmecken können, wenn man ordentlich Zwiebeln und Paprika dranmacht.

Dieses gute Gefühl begleitet mich schon mein ganzes Leben. Immer, wenn ich mal meinen Job verliere, sagte ich mir. „Was soll´s. Wer braucht schon Geld. Werd ich halt Selbstversorger. Ich gehe einfach auf unseren Bauernhof. Der liegt ja schon eine Weile brach. Gehört ja praktisch mir. Und nebenbei mache ich da ein irre teures Bootcamp auf. Für gestresste Top-Manager ohne Bodenhaftung, die sich in der Wildnis wieder erden wollen.“

Leider durchkreuzte mein Onkel meinen Lebensplan-B . Während des Bürgerkrieges schmiss er seinen unbezahlten Job als Ingenieur und kehrte der Hauptstadt Belgrad seinen halb verhungerten Rücken. Er ging zurueck auf`s Land, auf unser altes Familien-Gut. Innerhalb eines Jahres reaktivierte er den Hof, und er erblühte wieder wie in alten Tagen. Während dieser Zeit heiratete er eine Cousine 2. Grades. Schlecht fuer mich. Offensichtlich besaß diese Cousine einen Pfandschein, der beweisen konnte, dass mein Ur-Ur-Großvater  bei einem verhängnisvollen Kartenspiel einige Parzellen Land an ihre Familie verspielt hatte. Mein Erbanspruch war somit dahin.

Ich bin leider nie mehr wieder dort gewesen. Ich blieb in der Stadt hängen. Was soll´s. Mach ich eben Karriere. Gibt Schlimmeres. Ich bin ein guter Verlierer. Ist eh bequemer. Supermarkt in Fußnähe. Marmelade, Käse, Milch. Liegt alles abgepackt in den Regalen. Trotzdem finde ich es beruhigend zu wissen, wie ich im Notfall Käse, Brot, Sauerkraut und ein schnelles Pilzragout zaubern kann. Und Paprika und Tomaten gedeihen auch im Penthouse.

Mein serbischer Großvater und meine rumänische Grossmutter wussten. Willst du Tomaten? Dann sähe Tomaten. Willst du den Petrovic-Hof? Dann heirate Petrovics´Tochter. Willst du deinen Hof behalten? Dann vermehre dich schneller als die Albaner. Meine Großeltern haben noch direkt für Ihren Lebensunterhalt gearbeitet. Ihr Chef war die Natur. Ihr Verdienst die Naturalien.

Wir Städter nehmen traditionell lieber Geld statt Naturalien. Inflationstechnisch gesehen bleibt ein Ei immer  ein Ei. Aber das Dutzend kostet plötzlich 99 EUR. Wär mir persönlich dann zu teuer. Und dann wäre mir lieber, mein Kunde bezahlt mich mit Eiern. Macht er aber nicht. Hab ich Idiot ja vertraglich so mit ihm vereinbart. Ich wollte ja lieber buntes Papier mit Zahlen drauf. Und nun hab ich den Salat. Oder eben nicht.

Deshalb, liebe Städter,  werfen wir unsere Samen alle gemeinsam aus. Damit  Tomaten und Paprika in unseren Städten ungehindert wuchern können. Höhlen wir endlich unsere unnützen Zierkürbisse aus. Legen wir uns Huehner an. Kündigen wir unsere Rister-Rente und den Wertpapier-Fond. Und investieren statt dessen in Imker-Beteiligungen und Streuobstwiesen. Lasst uns Wände einreissen und Eigentumgswohnungen taktisch zusammen schliessen.

Aber zuerst muss ich dringend  mal meinen Schreitisch verlassen und mehr Zeit in der Natur verbringen. Meiner artgerechten Haltung zuliebe.

Komm Zorro. Gehen wir ein bisschen Gassi.

Mutters(chw)ein

6 Jan

In einer besonders couragierten Phase meines Lebens habe ich Kinder gezeugt. Rückwirkend bin ich aber nicht sicher, in wie weit Verliebtheitshormone und andere halluzinogene Substanzen bei der größten Entscheidung meines bisherigen Lebens eine Rolle spielten.

Jetzt habe ich drei kleine Kinder und ein Problem. Andere Mütter.

Es bleibt sicher nicht aus, dass, wenn man Kinder hat, sich Gesprächsthemen häufig um Kinder drehen. Ich selbst hätte nie geglaubt, wie umfangreich man über Windeln referieren kann. Mittlerweile belaufen sich die aufgelaufenen Kosten unserer Fäkalienfänger auf dem Niveau eines Neuwagens. Insofern höre ich mir Ratschläge von erfahrenen Müttern auch gerne an, wenn ich auf der anderen Seite etwas einsparen kann.

Überraschender Weise sind es nicht diese herzlichen Mütter, die mich nerven, es sind diese Super-Mamis, die ihr Muttersein wie einen Workflow abarbeiten und ihren Nachwuchs behandeln wie ihr Projekt. Ich spüre den unglaublichen Druck, der auf diesen Frauen lastet. Sie gebären sich wie übereifrige Projekt-Managerinnen, die ihrer Brut alles bieten wollen, was die Start- und Aufstiegschancen im Leben vermeintlich erhöhen.

Panik kommt auf, wenn die kleine Hanna Leonie mit 5 Monaten noch nicht sitzen kann. Sofort werden dramatische Entwicklungsverzögerungen vermutet und sie rennen in die Notaufnahme. Mit „das verwächst sich schon“, mache ich mir einfach keine Freundinnen auf dem Spielplatz. Und ich mag auch nicht mit dem kleinen Leon Lucas darüber diskutieren, warum er meinem Sohn nicht mit der Schippe auf den Schädel hauen darf. Das Ding wird von mir mit bösem Blick wieder eingezogen. Und das war´s.

Heerscharen von Müttern karren auf dem Rücksitz eine ganze Generation zu allen möglichen Alpha- Kinder-Veranstaltungen: Baby-Yoga, Gebärden-Sprachkuse, Malen nach Zahlen… Ich kenne 6-järige, deren Terminkalender es locker mit dem eines Top-Manager aufnehmen könnte. Unterm Strich ist es aber der verängstigte Versuch einer erodierenden Mittelschicht, sich vor dem Proletariat abzugrenzen und sich gleichzeitig eine Elitezugehörigkeit vorzugaukeln.

Ich halte mich so gut es geht von diesem Stress fern und versuche meine Kinder Kind sein zu lassen. Wichtiger finde ich, ist ihre Neugier zu wecken, ihre Beobachtungsgabe zu entwickeln, und ihnen zu helfen, die richtigen Fragen zu formulieren. Das klappt übrigens ganz prima von zu Hause. Ich habe Zuversicht, dass sich der Rest dann von alleine einstellt. So wie bei mir damals.

Ich ging zu Schule, machte am Nachmittag leidlich meine Hausaufgaben und begab mich danach auf die Straße zum Spielen. Manchmal spielten wir Federball. Manchmal hingen wir kopfüber von einer Teppichstange und waren ein Zirkus. Manchmal malten wir uns auch nur mit Stöcken einen Wohnungsgrundriss in den Kies und mimten Vater-Mutter-Kind. Wir hatten kein Handy. Wir stromerten durch unser Viertel, und meine Eltern wussten häufig für Stunden nicht wo ich bin. Abends kam ich mit aufgeschürften Knien nach Hause und wurde ohne große Fragen mit einem warmen Kakao, einer Schinkenstulle und einem Pflaster liebevoll verarztet.

Ich machte Abitur, lernte was kaufmännisches und studierte was technisches. Ich spreche 5 Sprachen, verstehe die komplexen Sachverhalte in der Weltpolitik und kann spontan meinen Heimatort auf der Weltkarte finden. Ich habe eine wunderbare Familie und einen Job, den ich gerne mache.Ich habe mir meinen Erkenntnisdrang, meinen Spieltrieb und meine Neugierde bewahrt. Ich komme einfach zurecht.

Das liegt  wohl daran, dass meine Eltern Vertrauen in mich hatten, und mich ließen, frühzeitig meine eigenen kleinen Wege zu gehen.

Und für diese Gelassenheit bin ich ihnen unendlich dankbar.