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Verlegen, verlieren und nicht vinden

24 Jan

An einem guten Tag vergesse ich vielleicht mal einen Buchstaben. Aber an den restlichen, da läuft es bedeutend schlechter. An solchen Tagen ist meine Vergesslichkeit nämlich eine echte Zumutung für meine Familie, Freunde oder Außenstehende.

Ständig verlege ich Dinge. Meine Brille zum Beispiel, oder meine Autoschlüssel. Dann renne ich blind und verzweifelt umher und finde natürlich nichts. Und das ist erbärmlich anzusehen. Meistens hat  jemand der Anwesenden Mitleid und hilft mir beim Suchen. Mein Mann benötigt für das Finden meiner Brille mittlerweile unter drei Minuten. Das letzte Mal fand er sie im Kühlschrank, unten, im Gemüsefach, zwischen den Bierdosen. Nach jahrelangem Training ist er natürlich sehr erfahren im Aufstöbern meiner verlegten Wertsachen. Wir sind da ein eingespieltes Team. Ich weiß das wiederum sehr zu schätzen, und passe sehr auf, ihn nicht irgendwann auch noch zu verlieren.

Zum Dank vergesse ich dann gerne mal Geburtstage. Letzte Woche wollte ich mal wieder so ein von Herzen verspätetes Geschenk besorgen. Nur, ich kam gar nicht dazu, denn mein Auto war verschlossen. Also bin ich durch die kaputte Heckklappe einsteigen. Das brachte mich aber auch nicht wirklich weiter.  Heute Morgen habe ich die Schlüssel wieder gefunden. Aber jetzt habe ich vergessen, wo mein Auto parkt.

Wie ich es drehe und wende, mein Kopf scheint ständig zu klein zu sein für diese große Welt. Wie machen andere Menschen das bloß? Wie kommen die so durch den Tag? Wie kann man sich zum Beispiel die ganzen Details seiner 457 Facebook-Freunde merken?

Ich kann mir nicht einmal meine eigene Telefonnummer behalten. Aber die Zahl Pi kann ich mühelos zwölf Stellen nach dem Komma aufsagen. Mir ist auch bekannt, dass Indien aus 28 Bundesstaaten besteht und Jack the Ripper ein Linkshänder war. Wer hätte gedacht, dass das Herz eines Blauwals so an die 800 kg wiegt? Aber, was nutzt mir das? Finde ich deswegen mein Auto wieder?

Mein Kopf ist vollgemüllt mit nutzlosem Wissen. Ist ja auch kein Wunder. Mein ganzes Leben lang war ich verschiedenen Bildungsanstalten und allerhand Medien schutzlos ausgeliefert. Für das praktische Leben bleibt da jetzt nicht mehr viel Erinnerung übrig. Ohne eine tägliche To-do-Liste setzte ich keinen Fuß vor die Tür, sonst verliere ich mich eines Tages noch selbst.

Vom Vergessen ist es auch nur ein kleiner Schritt zum Verlieren. Damit meine ich nicht, wenn etwa ein Ohrring in den Gully fällt. Natürlich ist der weg, aber grob weiß man ja noch, wo er sich befindet. Ich meine eher den Zustand der totalen Dematrialisierung von Gegenständen. Eben noch da, und – schwuuupp – weg.

Nach genau 10 Tagen erkläre ich einen verlegten Gegenstand offiziell als verloren. Da gehe ich völlig professionell mit um. Ja, ich bin ein Verlierer. Das sage ich stolz und mit erhobenem Kopf schamlos frei heraus.

In neun von zehn Fällen sind wir doch Verlierer. Mal verlieren wir den Job oder den Partner, mal den Führerschein oder das Portemonnaie, häufig die Geduld und zum Schluss sogar unser Leben. Auch wenn es am Ende des Tages nur ein Büschel Haare ist. Weg ist weg. Ich fühle mich dem Verlierer einfach näher als dem Gewinner.

Glücklicherweise treffe ich erstaunlich viele Menschen, die das ähnlich sehen wie ich. Wenn auch in umgekehrtem Verhältnis. Aber das stört mich nicht. Im Gegenteil. Ich freue mir ein riesiges Loch in den Bauch. Denn so gewinne ich immer wieder herrlich schrägen Stoff für neue Geschichten.

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