Tag Archives: Jeans

Baggy, saggy und ein bisschen skinny

9 Jan

Es heißt ja, dass Kunst oder Mode den jeweiligen Zeitgeist bestimmter Gruppen widerspiegelt. Wenn das so ist, dann ist die Kleidung einer bestimmten männlichen Gruppe total für den Arsch.

Damit meine ich einen Typus von männlichem Jugendlichen, wie sie überall an vielen Ecken rumlungern. Sie tragen vorzugsweise bunte Kappen, die nicht passen, und Hosen, die ständig rutschen. Diese Hosen sind mindestens 3 Nummern zu groß und werden auf ihrem freien Fall nur durch die Geschlechtsteile abgebremst.

Neulich in der Stadt lief so eine Hose an mir vorbei, und ich habe dem Träger etwa 10 Sekunden hinterher geschaut. In dieser Zeit hat er sich zwei Mal die Hose hochgezogen. Ich habe das im Kopf dann mal kurz überschlagen. Das macht der also 12 Mal in der Minute, wenn er sich in Bewegung setzt. Und das fand ich erstaunlich.

Einen Großteil des Tages ist er also mit Hoseraufziehen beschäftigt. Auf den Tag hochgerechnet kann man fast schon von einer Vollbeschäftigung sprechen. Da kommt man halt zu nichts mehr. Schon gar nicht zum Arbeiten. Oder zum Gürtelkaufen. In der Zeit, die er mit Hoseraufziehen verbringt, hätte er das Gürteltier auch selbst erlegt, gehäutet, gegerbt und vernäht.
Und dann braucht der auch noch alle fünf Sekunden eine Pause. So einen will doch kein Arbeitgeber einstellen. Und ohne Job hat er natürlich auch kein Geld. Sonst würde der arme Junge sich ja einen Gürtel kaufen.

Ob mit, oder ohne Geld. Ich befürchte, die Prognose steht schlecht, dass die Betroffenen diesen Teufelskreis aus schlechtem Hosensitz und mangelndem Gürtelzugang jemals durchbrechen werden. Wir müssen leider damit rechnen, dass sie immer tiefer rutschen werden, und sich dieser Abwärtstrend fortsetzen wird.

Das ist natürlich völliger Käse, den ich da schreibe. Denn ich Wahrheit bin richtig neidisch auf diese Jungs. Als Teenager hätte ich möglicherweise gemordet für so eine bequeme Hose. So verzweifelt war ich damals. Zu dieser Zeit trug man die Jeans nämlich knalleng bis zum Platzen. Skinny auf neudeutsch.

Bevor jetzt ein müder Einwand der strechverwöhnten Generation kommt möchte ich vorwegsagen, dass in keiner Jeans von damals auch nur eine elastische Faser zu finden war. Kein flexibler, anpassungsfähiger Stretchstoff. Ich spreche von 100% unnachgiebiger doppelt verzwirnter Baumwolle.

Die Hosen waren unvorstellbar eng. Da ist man nicht mal eben reingeschlüpft, Zum Anziehen musste ich mich dafür auf den Boden legen, und mich mit den Beinen gegen die Wand stemmen. Gelegentlich nahm ich auch eine Rohzange zur Hilfe.

Das Rauskommen war ähnlich schwierig. Abends, wenn ich manchmal zu müde war und gerade kein Werkzeug zur Hand hatte, habe ich die Jeans an den Seitennähten einfach wieder aufgetrennt. Hosenbedingt hatte ich diesen eigenartigen Gang, den ich damals allerdings total sexy fand. Dabei lag das nur an meinen eingeschlafenen Beinen.

Und trotzdem wollte man die Hose noch enger haben. Deswegen bin ich Samstagmorgens mit meiner Jeans immer in die heiße Badewanne gestiegen. Danach habe ich sie einige Stunden am Körper lufttrocknen lassen. So konnte ich in jedem Fall sicher sein, dass sie am Abend wie angegossen sitzt. Und wenn ich dachte, zwischen mich und meine Hose passt jetzt kein Haar mehr, war das falsch gedacht. Für einen Kamm war da immer noch Platz.

Immer Samstagabends stelzte ich also mit einer gewissen Restfeuchte und ganz ungelenken Beinen in unsere Dorfdisko. Und da standen wir so um die Tanzfläche herum oder wippten auf ihr. Eine ganze Generation, so steif wie Sellerie.

Aber diese Mode hatte auch seine guten Seiten. Die Rate an ungewollten Teenager- Schwangerschaften zum Beispiel war gleich Null. Man kam ja nicht ran. Wir haben das alles dann eben mit Stehblues kompensiert. Was auf den ersten Blick wie harmloses Fummeln wirkte, war aber bei genauerem Hinsehen recht riskant. Man konnte sich etwa an den unzähligen Sicherheitsnadeln verletzen, die so eine Hose zusammenhielten.

So hätte ich immer weiterkreisen können auf der Tanzfläche, wenn der Zeitgeist mich nicht von da mitgenommen hätte. Kein Jahr später trug ich dann nur noch wallende schwarze Gewänder mit applizierten Hühnerknochen, seltsam auftoupierte Haare und und hing mit anderen Grufties an vielen deutschen Fried- und Bahnhöfen rum.

Wenn Mode also wirklich einen bestehenden Zeitgeist abbildet, dann mache ich mir jetzt rückwirkend bedenkliche Sorgen auch noch um meinen damaligen Geisteszustand.

Advertisements