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Das geht mir esotierisch auf den Glückskeks

11 Jan

Auf meine Menschenkenntnis kann ich mich zum Glück ja verlassen. Und deswegen habe ich neulich auch nicht gezögert, meiner freundlichen Nachbarin meinen Hausschlüssel für Notfälle zu überlassen. Jetzt habe ich Hühnerknochen in meinem Basilikumtöpfchen stecken und kitschige Engelsfiguren in in jeder Ecke. Das gäbe mir eine positive Aura, sagt sie.

Ich glaube nicht an Engel. Auch will ich keine Hühnergräber zwischen meinem Basilikum. Ich will nur noch meinen Schlüssel zurück, ohne meine Nachbarin dabei wie einen esoterischen Einfaltspinsel dastehen zu lassen. Denn im Grunde ist sie eine arglose Seele.

Eigentlich bewundere ich Menschen, die die Gabe haben, mit Geistern und Engelswesen zu reden, und ich bin auch ein klein wenig neidisch auf sie. Ich selbst hatte als Kind nur einen eingebildeten Freund; Einen knapp 2.50 m großen Plüschhasen, der mich aber irgendwann wegen der schöneren Sandförmchen einer Anderen verlassen hat.

Ich sollte nicht spotten, denn bei genauerem Hinschauen stamme ich aus einer Seherfamilie. Meine rumänische Großmutter war nämlich eine begnadete Kaffesatzleserin, und ihr wahrsagerischer Ruf eilte ihr weit über die transsilvanische Dorfgrenze voraus.

In Liebes- und Viehzuchtfragen war meine Nana die letzte Instanz. Scharenweise pilgerte täglich verliebtes Bauernvolk auf einen starken und heißen Mocca zu ihr. Wenn man den Koffeinpegel über Tag immer schön konstant hält, kann einen diese psychoaktive Droge unglaubliche Dinge im feuchten Kaffeemehl entdecken lassen. Und was man alles darin lesen kann. Reichtum, Glück und ungeahnte Potentiale in uns, die entfaltet werden wollen. Wow!

Ich hab das auch mal versucht. Aber, ich habe im Grunde nur ein kleines einsames Mädchen mit dunklen Zöpfen gesehen, das einen kleinen süßen Hund – den es übrigens niemals haben durfte – Gassi führt. Geglaubt hat mir das nur keiner. Und dabei habe ich es so deutlich gesehen!
Unglaublich, wie viel Information in so einer kleinen Moccatasse gespeichert ist. Vielleicht ist Kaffeesatz ja das Silicon von morgen. Auf den zweiten Blick ist das auch gar nicht so abwegig. Wer hätte denn beispielsweise vor 20 Jahren geglaubt, dass man Silicon* in Brüste steckt?

Eine gute Alternative für Menschen mit Reizmagen und Teetrinker sind Tarot –Karten. Mit etwas irdischem Geld kann man sich so ein übersinnliches Blatt erwerben, und fantastisch in die Zukunft blicken. Es gibt sagenhafte 78(!) Möglichkeiten die ganzen Sensemänner, Jungfrauen und Narren in Kombination zu legen. Das bietet jede Menge Spielraum für persönliche Auslegungen. Und die stehen aber auf keinen Fall in Zusammenhang mit mathematischen Wahrscheinlichkeiten. Oder Zufällen. Die mystischen Zukunftsprognosen werden selbstverständlich gelenkt durch den unendlichen Kosmos. Was die Anzahl der möglichen Scharlatane so ins Unendliche steigert.

Ich selbst lasse mir ja nicht so gerne in die Karten gucken, und deshalb schiele daher hin und wieder in Horoskope. Oder knacke auch mal gerne einen Glückskeks.

Warum? Barnum**.
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* Ja, ja. Ist ja schon gut. Chips sind aus Silizium, und Brüste aus Silikon. Und „Silicon“ ist das englische Wort für Silizium. Jetzt hast du mit deiner Rechthaberei den ganzen Gag ruiniert. Und? Zufrieden?
** Mögliche Nebenwirkungen beim Googlen: Wirkt auf den kritischen Leser erhellend. Auf den Einfältigen eher verstörend.