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Meine Intimfeindin Ludmilla

1 Nov

Sobald man den Fernseher anmacht, ist man auch schon mittendrin im ganzen Tohuwabohu: Impotenz, Inkontinenz, Sodomie, Blasphemie, oder Gudruns Leben mit Horst IV – nichts kann dem Mensch peinlich genug sein, worüber er quatschen kann.  Sobald die Sprache aber auf ein Thema kommt, wird es plötzlich ganz still auf allen Kanälen:

Hämorrhoiden.

Hämorrhoiden sind eine Black Box. Sie gehören in die gleiche Gruppe wie Milz, Prostata oder Stammhirn. Irgendeine anatomische Funktion üben sie zwar alle aus, spontan weiß man aber nicht genau welche.

Statistisch müsste jeder, der das hier liest, Hämorrhoiden haben, und jeder zweite leidet deswegen. Ein Teil jetzt wegen der neuen Erkenntnis, überhaupt welche zu besitzen. Der größere Teil wohl wegen der Gewissheit, wie es sich anfühlt, wenn so eine Hämorrhoide das Tageslicht sehen will. Es ist, als ob eine, mit Stacheldraht ummantelte Bowlingkugel mit 500 km/h hinausgeschossen wird.

A NEW PAIN IS BORN.

Neben Kopfschmerzmitteln gehören Hämorrhoidensalben zu den meist verkauften Arnzneimitteln. Nur, gekauft haben will sie keiner. Und wenn man zufällig doch beim Kauf dieser Tuben ertappt wird, macht man angeblich Besorgungen für den bettlägerigen alten Nachbarn. Man war ja sowieso auf dem Sprung in die Apotheke, Kamillentee kaufen. Wegen der eigenen Magenverstimmung.

Richtig peinlich aber wird der Gang zum Proktologen. Dieser Adrenalinstoß, wenn man das Wartezimmer betritt. Sind etwa Bekannte drin, vielleicht sogar Arbeitskollegen? Und wenn ja, was sagt man da? Bei jedem anderen Arzt wäre das kein Problem: “Ich hab´ da ein Kratzen im Hals. Ich brauch mal wieder Urlaub auf Krankenschein”. Aber beim Proktologen? Was soll man da sagen? “Ich hab da eine Analfistel, die nässt ein bisschen?”

Proktologen, sind für mich Helden des Alltags. Heilige sogar. Anders kann ich mir sonst nicht erklären, wie der tägliche Anblick so vieler kranker Arschgesichter auszuhalten ist.

Und es gibt so viele von uns. Aber statt die Hämorrhoide einzuziehen, sollten wir gemeinsam aufstehen und erhobenen Hinterteils offen über unsere Pein berichten.

Ich fange an. Ich werde euch von Ludmilla erzählen. So habe ich nämlich mein aufgeblasenes Gefäßpolster genannt. Ich will nicht ins Detail gehen, warum ich sie so nannte. Nur soviel sei gesagt. Mit diesem Namen assoziiere ich gar nichts Gutes.

Dabei fing alles so harmlos an. Jahrelang lebten wir beide wie in einer guten Wohngemeinschaft . Ich oben, sie unten. Jeder respektierte den Lebensraum des anderen. Und wir kamen uns nicht in die Quere.

Ich weiß bis heute nicht, was der Auslöser war, doch plötzlich machte sich Ludmilla breit in meinem Leben und fing an mich zu piesacken. Ich habe Sie zunächst sanft, aber bestimmt gebeten, sich ein wenig zurückzuziehen. Aber offensichtlich war die Gute auf Krawall aus und wollte sich nicht wieder in ihr Rektum verpissen.

Zuerst dachte ich, ich könnte den Ärger einfach aussitzen. Mit Kamillebädern. Aber Ludmilla war ein zähes Biest.  Meinen Beschimpfungen, selbst meiner Voodoo-Attacke hielt sie stand. Was mann über Vodoo wissen muss: Durch das Stechen in die Puppe soll dem Betroffenen Schmerz zugefügt werden. Dieser Stich ging mächtig nach Hinten los.

So konnte es mit uns nicht mehr weiterwuchern. Wir mussten professionelle Hilfe aufsuchen, und deshalb gingen wir gemeinsam zu einer Chirurgenberatung. Vielleicht war da ja noch was zu retten.

Schon nach der ersten Beratung mussten wir uns beide leider eingestehen, dass unsere Beziehung endgültig im Arsch war. Wir mussten uns trennen. Ein sauberer Schnitt wäre das beste. Kurz und schmerzhaft.

Etliche Kamillensitzbäder später: Anstatt froh und glücklich zu sein, dass Sie nun endlich weg war, war da auf einmal eine unerwartete Leere. Nach unserer operativen Trennung fühlte ich plötzlich einen neuen Schmerz, eine Verlustschmerz. Ludmilla war weg, und sie hatte die Trennung nicht überlebt. Noch heute ertappe ich mich gelegentlich dabei, wie ich melancholisch im Endoskopie-Bildband blättere und an alte Zeiten zurückdenke.

Ich muss lernen endlich loszulassen. Und, dann habe ich diesen Traum.

Ich habe einen Traum,
dass sich alle Ludmillas,Vladimirs und Davorkas
aus allen Darmwind-Richtungen zusammenschließen
zu einer rektalen Befreiungsfront.

Ich habe einen Traum,
dass eines Tages die Nation ihren Hintern erheben,
und ihre wahre Bedeutung auspupen wird:
Alle After sind gleich.

Ich habe einen Traum,
dass meine drei kleinen Kinder
eines Tages in einer Nation leben werden,
in der man sie nicht nach dem Grad
ihrer Hämorrhoidialvergrößerung,
sondern nach ihren inneren Organen beurteilt.

I have a pain, now!