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Zeig mir wie du läufst, und ich sag dir wer du bist.

6 Sep

Gestern wurde ich Zeuge eines Diebstahls.

Vielmehr sah ich einen untersetzen Mann in Badelatschen mit einer dicken Tüte weglaufen. Sein Laufstil wirkte unsportlich und unbeholfen, was vermutlich mit seiner Kondition und seinem Schuhwerk zusammen hing. Gefolgt wurde der Dieb von einem englischen Touristen indischer Abstammung mit vergleichbarer Kondition und ähnlicher Fußbekleidung. Der Bestohlene blieb ohne Puste stehen drehte sich zu mir und fragte:

„Have you seen the thief?“
„Yes I have“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„It was a Romanian!“ schrie der Inder aufgeregt.
„Did you talk to him?“, fragte ich.
„No. But he runs like a Romanian.“

Meine 25% rumänischen Gene üben gerade das Laufen. Der Rest von mir guckt zu und grinst still vor sich hin.

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Hundeleben

30 Aug

Tiere in freier Natur und artgerechter Haltung sind irgendwie immer tätig. Sie sammeln Essbares, bauen Nester, schaben hier, buddeln da. Sie lausen sich, zwitschern munter vor sich hin. Oder sie sind damit beschäftigt still dazuliegen, so wie mein Hund Zorro, in seinem Premium-Hundekorb. Diese Tiere wirken zufrieden auf mich.

Meine Großeltern waren auch immer beschäftigt. Bereits vor dem Frühstück mussten die Tiere versorgt werden.  Danach wurde auf dem Feld gearbeitet. Oder am Haus gewerkelt, Käse gemacht, Marmelade gekocht, Sauerkraut eingelegt, ein Huhn geschlachtet, ein Kind gezeugt, Schnaps gebrannt, ein Schwein kastriert oder eine Cousine verheiratet. Es ging auf ihrem Hof eben so zu, wie es in vielen serbischen Dörfern in den 70er Jahren zuging.

Es war ein mühseliges Leben. Dennoch habe ich meine Großeltern niemals unzufrieden gesehen. Davon konnte ich mich in meinen Sommerferien regelmäßig überzeugen. Als Stadtkind war ich felsenfest davon ueberzeugt,  dass es an der wilden freien Natur und ihrer artgerechten Haltung lag. Es war ein selbstbestimmtes Leben, und es wurde täglich nur das gemacht, was meine Großeltern für richtig hielten. Die einzige, die meinen Grosseltern etwas vorschreiben konnte, war die Natur. Jede Taetigkeit hing vom richtigen Zeitpunkt ab: Saat aussetzen, Ernten, Schlachten, Cousinen verheiraten. Wurde die Saat nicht spätestens Februar gesetzt, würden die Stecklinge die sengende Mai-Sonne nicht überleben. Geschlachtet wurde im Herbst, und unverheiratete Cousinen wurden bis spaetestens 20 an den Mann gebracht.

Wenn meine Großeltern Geld brauchten, um Salz und Petroleum zu kaufen – eines der wenigen Dinge, die sie nicht selbst herstellten – fuhren sie auf den Markt und verkauften das, was sie entbehren konnten an Gemüse, Obst, Tiere oder unliebsamer Verwandtschaft.

Sich einfach hinzusetzen und nichts zu tun, das wäre meinen Großeltern nicht in den Sinn gekommen. Denn Arbeit gab es ja immer. Man wollte ja schliesslich eine reglemässige Mahlzeit auf dem Tisch haben. Ebenso frisches Trinkwasser. Und ein Dach über dem Kopf. Also haben meine Großeltern so lange Lehm mit Stroh vermischt und aufeinander gklatscht bis ein Haus draus wurde.  Sie haben nicht eher aufgehört zu  buddeln, bis sie auf trübes Grundwasser stiessen, welches immer wieder nachsickerte. Ausreichend genug, um einige Nutztiere damit zu tränken. Und die Überpopulation junger Kätzchen zu er…. Ach, lassen wir das.

Das eigene Trinkwasser musste allerdings geholt werden. Ein Mal am Tag machte sich mein Großvater auf den Weg, um frisches Trinkwasser zu besorgen, aus einer in etwa 500 Meter entfernten natuerlichen Quelle. Dazu trug er eine selbstgeschnitze Holzstange quer über seinen Schultern.  An den Enden waren längliche Vertiefungen eingekerbt. Tief genug, dass die Griffe der silbernen Metalleimer sicher darin verankert lagen. Mein Grossvater schleppte jeden Tag rd. 60 l Wasser, verteilt auf vier Eimer, einmal quer über seinen Acker.

Das Trinkwasser kam aus einem Felsloch. Man konnte bequem mit dem Arm hineingreifen und das klare Wasser mit einer Kelle abschöpfen. Die Kellen waren keine Plastik-Kellen. Es waren getrocknete Kürbisse mit dickem Bauch und langem schlankem Hals, der als Griff diente. Der Bauch wurde der Länge nach aufgeschnitten und ausgehöhlt.

Wieder zurueck in Deutschland gab es dann immer die gleichen Sommerferien-Geschichten zu hoeren:. Sandburgen bauen an der Nordsee, Rehegucken in der Lueneburger Heide. Kaffe und Kuchen bei Tante Lisbeth im Schwarzwald.

„Ach! Ihr habt doch alle keine Ahnung! Ich hab mir meine eigene Kelle geschnitzt. Mein Onkel brachte mir das Schiessen bei. Wir haben Rehe nicht nur geguckt, wir haben sie auch gegessen. Und ich war Brautjungfer bei meine Cousine  und durfte den ganzen Abend selbstgebrannten Sljivovic trinken.“

Das hab ich natürlich nicht gesagt. Nur gedacht. Irgendwie fand ich meine Sommerurlaube in den transsylvanischen Bergausläufern, verglichen mit Sommerferien an der Nordsee ziemlich anders. Irgendwie Hühnerfüsse statt Lachsbrötchen.

Trotdem. Insgeheim fühlte ich mich besonders. Sollten Ausserirdische jemals unsere Städte angreifen und alles in Schutt und Asche legen, ich würde souverän in den Wald rennen und dabei Gloria Gaynors „I will survive“ trällern. Von Bambi gucken und Rumsitzen am Kaffeetisch wird man halt nicht satt . Aber ich würde würde klarkommen. Meine Grossmutter hat mir beigebracht, welche Pilze giftig sind, und dass man sich Schlangen vom Leib hält, wenn man stampfend durch das hohe Gras läuft. Ich hab beim Hühner Schlachten geholfen. Und ich weiß, dass Hühnergedärme durchaus gut schmecken können, wenn man ordentlich Zwiebeln und Paprika dranmacht.

Dieses gute Gefühl begleitet mich schon mein ganzes Leben. Immer, wenn ich mal meinen Job verliere, sagte ich mir. „Was soll´s. Wer braucht schon Geld. Werd ich halt Selbstversorger. Ich gehe einfach auf unseren Bauernhof. Der liegt ja schon eine Weile brach. Gehört ja praktisch mir. Und nebenbei mache ich da ein irre teures Bootcamp auf. Für gestresste Top-Manager ohne Bodenhaftung, die sich in der Wildnis wieder erden wollen.“

Leider durchkreuzte mein Onkel meinen Lebensplan-B . Während des Bürgerkrieges schmiss er seinen unbezahlten Job als Ingenieur und kehrte der Hauptstadt Belgrad seinen halb verhungerten Rücken. Er ging zurueck auf`s Land, auf unser altes Familien-Gut. Innerhalb eines Jahres reaktivierte er den Hof, und er erblühte wieder wie in alten Tagen. Während dieser Zeit heiratete er eine Cousine 2. Grades. Schlecht fuer mich. Offensichtlich besaß diese Cousine einen Pfandschein, der beweisen konnte, dass mein Ur-Ur-Großvater  bei einem verhängnisvollen Kartenspiel einige Parzellen Land an ihre Familie verspielt hatte. Mein Erbanspruch war somit dahin.

Ich bin leider nie mehr wieder dort gewesen. Ich blieb in der Stadt hängen. Was soll´s. Mach ich eben Karriere. Gibt Schlimmeres. Ich bin ein guter Verlierer. Ist eh bequemer. Supermarkt in Fußnähe. Marmelade, Käse, Milch. Liegt alles abgepackt in den Regalen. Trotzdem finde ich es beruhigend zu wissen, wie ich im Notfall Käse, Brot, Sauerkraut und ein schnelles Pilzragout zaubern kann. Und Paprika und Tomaten gedeihen auch im Penthouse.

Mein serbischer Großvater und meine rumänische Grossmutter wussten. Willst du Tomaten? Dann sähe Tomaten. Willst du den Petrovic-Hof? Dann heirate Petrovics´Tochter. Willst du deinen Hof behalten? Dann vermehre dich schneller als die Albaner. Meine Großeltern haben noch direkt für Ihren Lebensunterhalt gearbeitet. Ihr Chef war die Natur. Ihr Verdienst die Naturalien.

Wir Städter nehmen traditionell lieber Geld statt Naturalien. Inflationstechnisch gesehen bleibt ein Ei immer  ein Ei. Aber das Dutzend kostet plötzlich 99 EUR. Wär mir persönlich dann zu teuer. Und dann wäre mir lieber, mein Kunde bezahlt mich mit Eiern. Macht er aber nicht. Hab ich Idiot ja vertraglich so mit ihm vereinbart. Ich wollte ja lieber buntes Papier mit Zahlen drauf. Und nun hab ich den Salat. Oder eben nicht.

Deshalb, liebe Städter,  werfen wir unsere Samen alle gemeinsam aus. Damit  Tomaten und Paprika in unseren Städten ungehindert wuchern können. Höhlen wir endlich unsere unnützen Zierkürbisse aus. Legen wir uns Huehner an. Kündigen wir unsere Rister-Rente und den Wertpapier-Fond. Und investieren statt dessen in Imker-Beteiligungen und Streuobstwiesen. Lasst uns Wände einreissen und Eigentumgswohnungen taktisch zusammen schliessen.

Aber zuerst muss ich dringend  mal meinen Schreitisch verlassen und mehr Zeit in der Natur verbringen. Meiner artgerechten Haltung zuliebe.

Komm Zorro. Gehen wir ein bisschen Gassi.

Urlaubspost

22 Aug

Ich hab Urlaub.

Endlich mal wieder Zeit für mich. Zeit zum Lesen beispielsweise. Oder zum Beantworten liegengebliebener Emails von Kollegen.

Heute las ich in der Zeitung, dass 62% der Deutschen im Urlaub vom Job gestört werden. Durch Emails und Fragen wie, wo denn ein bestimmtes Dokument abgespeichert sei. Ob Kollege Bauer den  Joghurt essen könne, den man im Firmenkühlschrank vergessen hat. Oder, ob man früher zurückkommen könne, um Urlaubsvertretung zu machen. Für die andere Kollegin, die auch gerade in Urlaub sei.

Ich gehöre auch zu den restlichen 38% Urlauber, die im Urlaub durch frühmorgentliche Anrufe der Eltern geweckt werden.

„Ach Kind, wie schön! Endlich haste Urlaub. Sie zu, dass du dich was entspannst. Und schlaf dich endlich mal richtig aus.“

Da liege ich nun, morgens um halb sieben, und denke darüber nach. Wie ich als junge Führungskraft in den 90ern drei Wochen in Urlaub gefahren bin. Ohne Internet. Ohne Handy. Ich war weg. UNERREICHBAR.

Wunderbar.

Vorzugsweise fuhr ich mit dem Auto nach Spanien. Wenn ich besonders gut drauf war, fuhr ich einfach weiter durch bis Portugal. War ja sowieso egal. Kein Mensch wusste, wo ich bin. Kein GPS dieser Welt konnte mich orten.

Ungefähr nach 2 Tagen des Eingewöhnens am Urlaubsziel habe ich mich dann zu Hause meist gemeldet. Aus einem dieser Call-Center, die es damals noch gab. Für die Jüngeren unter uns: Das waren die Vorgänger von Internet-Cafes, nur mit Telefonen. Teilweise noch mit Wählscheibe. Ich kaufte also für umgerechnet zwei Mark Telefonmünzen, bekam eine Kabine zugewiesen, und konnte anrufen:

“ Hallo? ..Hallo?.. Hörst du mich? …Knackt ein bisschen. …Ja. Mir geht´s gut….Alles prima. ….Super durchgekommen. Kein Stau. …..Wetter ist eine Wucht…..Hotel is auch supi……Der Strand auch.. ….Bin in….ähhh?…Wie heißt der Ort noch mal hier?…Oh Mist, die 2 Mark sind gleich durch….. Ich schreib noch ´ne Postkarte.“

Bis dahin sollte noch jede Menge anonyme und freie Zeit vergehen,  in der ich machen konnte, was ich will. Zum Beispiel stundenlang ungestört Fische beobachten. Oder betrunken in Hafenkneipen mit einheimischen Fischern einen herzzerreisenden Fado singen. Es bestand keine Gefahr, dass peinliche Fotos auf facebook landen, die mich als Fisch-Stalkerin outen. Und dass meine Kollegen morgens um 9:00 schon vor mir Bescheid wissen. Während ich noch ahnungslos im Bett liege und den portugiesischen Wein im Schlaf abbaue.

Etwa in der Mitte des Urlaubs , hielt ich dann auch Wort. Der Postkarten-Tag war gekommen.  Schliesslich sollte die Postkarte früher ankommen, als man selbst.  Für alle unter 20-jährigen zur Erklärung:, Die Postkarte ist so etwas wie der analoge Vorgänger von WhatsApp mit Bildanlage.

Die Bilder der Postkarte waren bereits fertig, und als wilde Kollage auf der Vorderseite der Karte abgedruckt. Die Rückseite war für den persönlichen Text vorgesehen. Ähnlich wie bei Twitter, waren die Zeichen durch die die Kartengrösse begrenzt. Natürlich habe ich mir die Postkarten ausgesucht mit dem größten Neideffekt und schrieb an meine Familie, Freunde und die Arbeitskollegen meist folgenden Text:

Wetter ist eine Wucht…..Hotel is auch supi……Der Strand auch…Bin in…ähhh?….das seht ihr ja auf der Vorderseite. Sonnige Grüsse!

Nach weiteren drei Tagen hatte ich es meist auch geschafft eine portugiesische Post zu finden, Briefmarken zu kaufen und meine Text-Bildnachricht endlich auf den Weg in die Heimat zu bringen.

Vereinzelt sieht man heute alte Menschen, die in Strand-Cafes sitzen, und in vorbildhafter Sütterlin-Schrift ihre Grüsse an die Lieben daheim gebliebenen schicken. Postkarten sterben genauso aus, wie diese Rentner. Genauso, wie Kodak-Filme und Schlecker-Märkte.

Nach drei Wochen war ich dann wieder zu Hause, und aus dem Urlaub zurück. Nach dem Auspacken meines Koffers stellte ich immer wieder erstaunt fest:  Die Erde hatte sich trotzdem weitergedreht. Auch die Arbeit lief entsprechend weiter. Meine Postkarte hing bereits an der Wand zwischen anderen Postkarten verreister Kollegen.

Dann nahm ich Platz an meinem Schreibtisch. Sortierte mich ein bisschen, stellte das Willkommensgeschenk – ein Plastik-Fisch – neben meinen Apple II , und machte tiefenentspannt da weiter, wo ich vorher aufgehört hatte.

Geht doch.

Alter, mach mich nicht schwach.

13 Aug

Gestern stand ich gutgelaunt im Bus und hing so meinen Gedanken nach, als ich bemerkte, dass mich ein junger Kerl anschaute. „Hola!“ dachte ich mir, was für ein lecker Kerl. Er guckte. Ich guckte. Dann kam er auf mich zu und sagte: „Setz dich ruhig hin Oma. Ich kann stehen. Ich hab noch starke Beine.“

Das fand ich jetzt irgendwie charmant. Aber auch irritierend. Ich bin doch nicht alt. Ich bin nur schon eine Weile am Leben. Alt sind andere. Nicht ich.

Alt zu sein ist irgendwie nicht besonders attraktiv in unserer Gesellschaft. Viele schummeln deshalb beim Alter und mogeln sich ein paar Jahre jünger. Ist vor allem so ein Frauending.

Das ist doch total erbärmlich. Man kann zu seinem Alter ruhig stehen. So wie ich. Ich sag´s ganz offen: Ich bin 42g und nächstes Jahr werde ich die Quersumme aus 5.

Einigen reicht das Schummeln aber nicht. Sie lassen auch an sich schnippeln und spritzen. Botox beispielsweise. Dieses Nervengift. Das würde ich ja nie nehmen. Genauso wenig wie Heroin. Ich hab nämlich Angst vor Spritzen. Und ich hätte Panik, dass man mir die Nadel zu tief ins Hirn rammt, Und dann nicht nur meine Falten lahm legt, sondern auch mein Denken.

Das ganze wäre mir auch zu chemisch. Ich bin eher der natürliche Typ. Wenn, dann kiffe ich höchstens ein bisschen. Und Facelifiting mache ich auf natürliche Weise. Zum Beispiel mit einem Pferdeschwanz.

Wenn man sich die Haare ganz streng nach hinten kämmt, dann zieht das die Epidermis gleich mit nach hinten. Das ist sehr praktisch. Denn das strafft total. Und die überschüssige Hautmasse, die sich am Hinterkopf bildet, dreht man dann zu einem kleinen, festen Fleischbällchen. Das kann man gut im Haargummi feststecken. Das hält bombenfest.

Ach, das wusstet ihr nicht? Ja was glaubt ihr, warum manche Frauen sogar einen Dutt tragen?

Die Falten an sich stören mich gar nicht so. Was mich schon eher nervt ist, dass die Kräfte nachlassen. Wenn man morgens aufwacht und sich denkt, “Komm. Bleibste besser liegen”.

Das hab ich von klein auf intuitiv gespürt. Deshalb habe ich mir schon Kind als immer Superkräfte gewünscht. Solche, von der Art, wie Fliegen können, durch Wände laufen, oder sich jeden Tag Schokolade zaubern. So viel man will. Aber ganz besonders habe ich mir gewünscht, ich könne mich unsichtbar machen.

Hey, und wisst ihr was? Es hat endlich geklappt. Wenn ich heute aus dem Haus gehe, bin ich unsichtbar. Kein Schwein guckt mich mehr an.

Statt dessen glotzen mir jetzt alte Männer hinterher. Alte Säcke in braunen Cordhosen mit Bügelfalte. Einer war bestimmt schon an die 50!

Versteht mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen das Altwerden. Ich sehe meinem körperlichen Verfall entspannt entgegen. Denn mein Körper hat mir in jungen Jahren treu gedient. Viele Körperteile haben einen fantastischen Job gemacht. Manche von ihnen sogar einen herausragenden. Das war ein professionell eingespieltes Team, und es hat mir jede Menge potentielle Männchen angelockt. Dank ihnen konnte ich eins fangen. Und herausgekommen sind am fruchtbaren Ende auch noch drei Kinder. Was will ich mehr?

Deshalb bin ich meinen Brüsten auch nicht böse, wenn die sich jetzt auch mal locker machen wollen. Sich mal einfach gehen und hängen lassen. Das dürfen die. Das haben sie sich verdient. Mussten ja viele Jahre lang stramm stehen. Und auch noch drei Kinder durchfüttern.

Vielleicht noch mal einen Mini-Job hier, oder eine geringfügige Beschäftigung dort. Aber mehr machen wir nicht. Jetzt sind andere mal dran. Sollen die sich doch abrackern. Wir machen uns locker.

Nicht wahr, Boobsy & Doopsy?

Mathe ist mein Mantra

7 Feb

Fragt man Kinder, was sie einmal werden wollen, wissen es Jungs häufig meistens genau: Astronaut, Castingstar, Harzer, oder vielleicht Einer-mit-viel-Kohle. Fragt man Mädchen, wollen die doch lieber etwas mit „Tieren, Medien oder Menschen und so“ machen. Um Berufe mit viel Mathe drin, machen viele einen großen Bogen, weil sie angeblich davon nicht viel Plan haben.

Frauen, die bis etwa Mitte Zwanzig zählen können, landen häufig in diesen klassischen Helferinnenberufen. Beim Arzt beispielsweise, beim Rechtsanwalt vielleicht an der Wursttheke, oder wo auch immer sie Männern zur Hand gehen können.

Und Frauen wie ich, die Karriere machen wollen, studieren. Vielleicht machen wir ein Diplom in Pferde-Fusspflege oder wir erwerben unseren Master in asiatischer Origami-Geschichte. Einen bezahlten Job finden wir später zwar nicht, aber zumindest können wir unsere Taxikunden mit selbst gefalteten Visitenkarten beeindrucken.

Da wundert es auch keinen, dass Rück-mich-wieder-zurecht-Kurse auf der ganzen Welt so gut besucht sind. Mit meist fernöstlichen Techniken wird dort dann versucht, dem Frust meditativ mal so richtig in den Hintern zu treten.

Dabei kann es so einfach sein. Man muss nicht unbedingt unverständliche indische Mantras vor sich hinsummen. Mann kann zu Hause auch so ganz prima entspannen – mit heimischer Mathematik zum Beispiel.

Das glaubt ihr mir jetzt nicht.

Dann lehnt euch mal entspannt zurück, und lasst folgende Worte nun auf euch wirken. Denn euer Leben wird nicht mehr das gleiche sein, wenn ihr die Weisheit des nächsten Absatzes in seiner ganzen Tiefe erfasst habt.

2+2 ist 4.

Na und? Das werden jetzt die meisten denken.

Aber, 2+2 ist auch morgen noch 4, und übermorgen, und in drei Millionen Jahren. Das klappt übrigens auch prima mit 3 + 1. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir uns auf die Mathematik verlassen können. Die Mathematik schafft Struktur, gibt uns somit Orientierung und schenkt uns Klarheit.

Selbst wenn man glaubt, das es nicht mehr weiter geht, weil man ganz unten angekommen ist, bei Null, auch da überrascht uns die Gute. Denn es geht weiter: –1, -2. –3…. Es kann noch so negativ werden, wir können so tief fallen. Die Mathematik fängt uns immer wieder auf. Das ist doch was wert.

Das hat doch was. Da kann sich die Welt von mir aus immer schneller drehen und verändern. Da kann der eigene Lebenslauf plötzlich in eine ganz andere Richtung laufen als man selbst. Da kann eine Demokratie durch eine Diktatur, D-Mark durch Euro, Raider durch Twix ersetzt werden. Na und? Sollen die mich doch alle verlassen.

Eines bleibt mir immer und ewig.

2 + 2 ist 4.

Und das finde ich beruhigend.

Ohm!

Essstörungen und andere Erbrechen

17 Jan

Nudel- oder Kartoffelsalat? Kotelett oder Würstchen? Wer bringt Aspirin mit? Das waren die bedeutenten Fragen des Abends, wenn ich mich früher mit Freunden zum Essen getroffen habe. Meist waren das auch ganz entspannte Abende. Heute fragt das keiner mehr. Alle sind so ernährungsbewusst geworden. So gesund. Alle wollen fit bleiben bis ins hohe Alter. Oder sie wollen zumindest abnehmen.

Wenn ich heute drei Freunde zum Essen einladen will, brauche ich kein Kochbuch mehr. Ich brauche Mathenachhilfe. Weil ich für das Menü die Schnittmenge aus vegetarisch, vollwertköstlich und vegan bilden muss. Pi mal Daumen bleiben dann Nüsse und Datteln übrig. Und Löwenzahn  zum Beispiel . Für so ein Grün muss ich zum Glück nicht zum Markt laufen. Das ganze Unkraut wuchert direkt in meinem Garten. Und zwar in der Ecke, in der mein dicker Kater am liebsten markiert.

Vor ein paar Tagen hatte ich ein paar Freunde zum Essen eingeladen, und alles war prima schnittmengenoptimiert. Aber dann kam Veggie unerwartet in Begleitung seiner neuen Freundin. Zu Glück ist die aber Bulimikerin. Ich habe dann einfach noch reichlich minderwertige Kohlenhydrate auf den Tisch gestellt. Unterm Strich ist es ja egal, was sie da wieder raukotzt. Wegen der Menge war ich zunächst etwas besorgt, die langen ja bekanntlich ordentlich zu. Zum Glück macht sie aber gerade KDH – Kotz Die Hälfte.

Und wie immer in diesen gesunden Runden, meldet sich dann im Laufe des Abends mein schlechtes Gewissen. Warum sind die anderen so erleuchtet und ich so unterbelichtet? Warum bin ich innerlich so vergiftet und die anderen so rein? Und, warum schmeckt das alles hier so scheiße?

Für solche Momente, wenn mein Geist stark, aber mein Fleisch schwach ist, habe ich ein Kotelett mit Kartoffelsalat im Badezimmer versteckt. Im  Wäschekorb wartet meine eingetupperte Schlechtkost auf mich. Und die lasse ich mir heimlich auf dem Klo dann richtig gut schmecken. Aus Protest stecke ich mir noch einen Erbeer-Lolly in den Po. So, ihr könnt mich jetzt alle mal. Mir schmeckt´s und es macht mich glücklich.

Und wie immer nach solchen Abenden, bin ich am nächsten Morgen aufgewacht, mir war schlecht, und ich bin zur Toilette getorkelt. Meine Pipi war gallegrün. Das Ende! Eine Vergiftung im Endstadium! Da kann nur noch der Notarzt was tun. Und wenn, auch nur noch den Totenschein ausstellen.

Gut das der Mann gleich kam. Er diagnostizierte eine äußerst seltene Mischfarbe 1. Grades. Aber die hatte nichts mit meinem Soilent-Grün-Menü vom Vorabend zu tun, sondern mit meinem blauen Klostein. Puh! Noch mal gutgegangen. Aber, die Völlerei muss endlich ein Ende haben.

Da steh´ ich nun ich armer Thor und bis so krank wie nie zuvor!

Ich Idiot! Ich könnte den Krebs besiegen, Aids, Demenz, Flatulenz und andere Geiseln der Menschheit. Ich könnte Salatdressing teilen oder wenigstens drüberlaufen.

Dafür müsste ich mich gesund ernähren und ausschließlich nur das fressen, was die Ernährungs-Gurus vorkauen. Dann werde ich nie krank. Niemals. Dann wird sich jede Zivilisationskrankheit vor mir fürchten. Denn ich habe Superkräfte, wie ein Highlander. Und es kann ja nur einen Kohlkopf geben.

Und an dieser Stelle frage ich mich immer wieder, was diese Besser-Esser denn so dahinrafft.  Woran sterben Veganer? Laufen die vor den Bus? Oder Rohköstler? Verwelken die?  Ich weiß es nicht.

Aber, die viel spannendere Frage lautet doch, wo gehen sie danach hin?

Das Paradies kann es ja keinesfalls sein, Früchte vom Baum pflücken ist da nicht so gern gesehen. Das ist der vitamine Super-Gau. Einmal genascht, und man hat lebenslanges Hausverbot.

Fahren die zur Hölle? Da wird traditionell ja geschmort und geröstet. Hier verkochen alle Vitamine und verpuffen alle Nährstoffe. Hierher verirrt sich bestimmt auch kein Besseresser.

In die ewigen Jagdgründe? Da kriegen einen Vegetarier doch keine 10 Pferde rein.

Wenn diese Gesund-Esser mal von uns gegangen sind, wo gehen sie anschließend hin? Irgendwo müssen sie doch hin. Antimaterie muss es ja schließlich auch irgendwo hin.

Deswegen habe ich mir ein neues Jenseits ausgedacht, und bitte jetzt mal alle Bauernfänger und Freizeit-Gurus um ihre geschätzte Aufmerksamkeit, denn hier ist noch so viel Potential für irdische Abzocke vorhanden:

Bienen spucken Honig durch die Lüfte, Sojamilch fließt in Sturzbächen die Hänge herab und der Joghurt dreht selbstverständlich nur rechts herum. Hier schmeckt sogar das Tofu und besitzt auch seine eigene Farbe. Und am Flussufer sitzt eine Gruppe Chinesen und schnitzt filigrane Tier-Silhouetten aus Bio-Möhren.

Die todsicheren Tipps, wie man in das Ernährungsparadies hineinkommt, kann man in der Guru-Fibel nachlesen. Die Fibel-Bibel wäre allerdings noch zu drucken. Und noch zu texten.

Also, wenn Sie noch einen Texter brauchen, ich könnte das für sie machen…

Zahlzeit! Und guten Profitit!

Baggy, saggy und ein bisschen skinny

9 Jan

Es heißt ja, dass Kunst oder Mode den jeweiligen Zeitgeist bestimmter Gruppen widerspiegelt. Wenn das so ist, dann ist die Kleidung einer bestimmten männlichen Gruppe total für den Arsch.

Damit meine ich einen Typus von männlichem Jugendlichen, wie sie überall an vielen Ecken rumlungern. Sie tragen vorzugsweise bunte Kappen, die nicht passen, und Hosen, die ständig rutschen. Diese Hosen sind mindestens 3 Nummern zu groß und werden auf ihrem freien Fall nur durch die Geschlechtsteile abgebremst.

Neulich in der Stadt lief so eine Hose an mir vorbei, und ich habe dem Träger etwa 10 Sekunden hinterher geschaut. In dieser Zeit hat er sich zwei Mal die Hose hochgezogen. Ich habe das im Kopf dann mal kurz überschlagen. Das macht der also 12 Mal in der Minute, wenn er sich in Bewegung setzt. Und das fand ich erstaunlich.

Einen Großteil des Tages ist er also mit Hoseraufziehen beschäftigt. Auf den Tag hochgerechnet kann man fast schon von einer Vollbeschäftigung sprechen. Da kommt man halt zu nichts mehr. Schon gar nicht zum Arbeiten. Oder zum Gürtelkaufen. In der Zeit, die er mit Hoseraufziehen verbringt, hätte er das Gürteltier auch selbst erlegt, gehäutet, gegerbt und vernäht.
Und dann braucht der auch noch alle fünf Sekunden eine Pause. So einen will doch kein Arbeitgeber einstellen. Und ohne Job hat er natürlich auch kein Geld. Sonst würde der arme Junge sich ja einen Gürtel kaufen.

Ob mit, oder ohne Geld. Ich befürchte, die Prognose steht schlecht, dass die Betroffenen diesen Teufelskreis aus schlechtem Hosensitz und mangelndem Gürtelzugang jemals durchbrechen werden. Wir müssen leider damit rechnen, dass sie immer tiefer rutschen werden, und sich dieser Abwärtstrend fortsetzen wird.

Das ist natürlich völliger Käse, den ich da schreibe. Denn ich Wahrheit bin richtig neidisch auf diese Jungs. Als Teenager hätte ich möglicherweise gemordet für so eine bequeme Hose. So verzweifelt war ich damals. Zu dieser Zeit trug man die Jeans nämlich knalleng bis zum Platzen. Skinny auf neudeutsch.

Bevor jetzt ein müder Einwand der strechverwöhnten Generation kommt möchte ich vorwegsagen, dass in keiner Jeans von damals auch nur eine elastische Faser zu finden war. Kein flexibler, anpassungsfähiger Stretchstoff. Ich spreche von 100% unnachgiebiger doppelt verzwirnter Baumwolle.

Die Hosen waren unvorstellbar eng. Da ist man nicht mal eben reingeschlüpft, Zum Anziehen musste ich mich dafür auf den Boden legen, und mich mit den Beinen gegen die Wand stemmen. Gelegentlich nahm ich auch eine Rohzange zur Hilfe.

Das Rauskommen war ähnlich schwierig. Abends, wenn ich manchmal zu müde war und gerade kein Werkzeug zur Hand hatte, habe ich die Jeans an den Seitennähten einfach wieder aufgetrennt. Hosenbedingt hatte ich diesen eigenartigen Gang, den ich damals allerdings total sexy fand. Dabei lag das nur an meinen eingeschlafenen Beinen.

Und trotzdem wollte man die Hose noch enger haben. Deswegen bin ich Samstagmorgens mit meiner Jeans immer in die heiße Badewanne gestiegen. Danach habe ich sie einige Stunden am Körper lufttrocknen lassen. So konnte ich in jedem Fall sicher sein, dass sie am Abend wie angegossen sitzt. Und wenn ich dachte, zwischen mich und meine Hose passt jetzt kein Haar mehr, war das falsch gedacht. Für einen Kamm war da immer noch Platz.

Immer Samstagabends stelzte ich also mit einer gewissen Restfeuchte und ganz ungelenken Beinen in unsere Dorfdisko. Und da standen wir so um die Tanzfläche herum oder wippten auf ihr. Eine ganze Generation, so steif wie Sellerie.

Aber diese Mode hatte auch seine guten Seiten. Die Rate an ungewollten Teenager- Schwangerschaften zum Beispiel war gleich Null. Man kam ja nicht ran. Wir haben das alles dann eben mit Stehblues kompensiert. Was auf den ersten Blick wie harmloses Fummeln wirkte, war aber bei genauerem Hinsehen recht riskant. Man konnte sich etwa an den unzähligen Sicherheitsnadeln verletzen, die so eine Hose zusammenhielten.

So hätte ich immer weiterkreisen können auf der Tanzfläche, wenn der Zeitgeist mich nicht von da mitgenommen hätte. Kein Jahr später trug ich dann nur noch wallende schwarze Gewänder mit applizierten Hühnerknochen, seltsam auftoupierte Haare und und hing mit anderen Grufties an vielen deutschen Fried- und Bahnhöfen rum.

Wenn Mode also wirklich einen bestehenden Zeitgeist abbildet, dann mache ich mir jetzt rückwirkend bedenkliche Sorgen auch noch um meinen damaligen Geisteszustand.