Tag Archives: Liebe

Von Hamstern und Schweinehunden

25 Apr

Ich bin Jesus schon ganz schön dankbar, dass er an Ostern auferstanden ist. Weil das zumindest die Christen glauben, sind diese besonderen Tage auch hoch aufgehängte Feiertage, an denen nicht gearbeitet wird. Überhaupt scheint es so, als ob irgendeine höhere Macht auf die große Bremse getreten ist, und den Alltag entschleunigt hat.

Seit Donnerstag sitze ich zu Hause und fröne dem Nichtstun. Keine Hektik, keine Handys, keine Meetings, keine Kompromisse. Höchstens beim Bier mache ich welche, denn ich bevorzuge Wein. Ich habe die Füße hochgelegt und denke darüber nach, was ich so tun könnte. Ich könnte den Garten machen, denn das Unkraut wuchert schon in allen Ecken. Oder meinen ganzen Papierkram ordnen, der Steuerberater hat mich schon wieder ermahnt. Auf der Festplatte schlummern mindestens ein dutzend angefangene Artikel, die ein Recht haben zu Ende geschrieben zu werden. Wollte ich mich nicht bei einer neuen Stelle bewerben?

Mein Körper ist entschleunigt, aber mein Geist ist es nicht. „Hätte, wäre, müsste, könnte“, höre ich es ständig in meinem Schädel plärren. Andere schimpfen über ihren inneren Schweinehund. Mich plagt dieser rastlose Hamster, der sich permanent in meinem Kopfe dreht. Ich will mich nicht beschweren, denn im Alltag ist dieser Nager ein wichtiger Antrieb. Aber jetzt, im Urlaub zu Hause soll er einfach nur mal die Beine still halten.

Den Kopf ausschalten und an nichts denken. Das wär´s. Ich bewundere ja viele Mallorcaurlauber, die jedes Jahr ihren Kopf auf dem Gepäckband lassen, und 14 Tage später im Lost & Found wieder abholen. Dazwischen haben sie jede Menge ausgelassenen Spaß. Leider bekommt man das meist nur mit bewußtseinsein-schränkenden Drogen hin. Oder man ist von Natur aus eher der bewustlose Typ.

Während ich so darüber nachdenke, warum ich permanent so viel nachdenke, kommt meine kleine Tochter um die Ecke mit einem schillernd bunten Käfer auf der Hand. Beide sehen ein wenig lädiert aus. Dem Käfer fehlt ein Bein, und meine Kleine hat ein paar Kletten zu viel im Haar. Ich müsse sofort mit aufs Feld hinter unseren Garten kommen, denn dort ist eine Hütte eingestürzt, die sie zusammen mit ihren Geschwistern aus Laub, Gräsern und Ästen gebaut hat. Eben, auf jenen Käfer. Ich müsse helfen Crazy Amoa, so heißt ihr kleines Reich, zu retten, und die Club-Hütte wieder aufbauen.

Also trotten wir gemeinsam hin. Meine Tochter, der Käfer und ich. Wir passieren durch die Hintertür unseres Gartens auf das angrenzende Feld, das schon seit Jahren nicht mehr bestellt wurde. Das Unkraut steht mannshoch vor uns, doch wir bewegen uns geradewegs sicher durch das Gestrüpp. Von weitem höre ich schon meine beiden Älteren lautstark miteinander reden. Wie man denn nun die Hütte wieder stabil bekäme. Offensichtlich herrscht noch Uneinigkeit darüber, als wir bei der Einsturzstelle eintreffen. Aber das ist erst einmal unwichtig. Der Käfer muss verarztet werden. Wir sammeln weiches trockenes Gras und bauen ein Feldlazarett-Bett für den Fünfbeinigen, während mein Sohn ein orthopädisches Gliedmaß aus Grashalmen bastelt.

Die Hütte haben wir mit ein paar Handgriffen und zusätzlichen Ästen wieder stabil aufgestellt. Crazy Amoa ist gerettet und hat sein Clubhaus wieder. Und jetzt sitze ich da, unter Ästen und Blättern, mit Kletten im Haar, zwischen Kindern und dem Käfer.

Mein Ältester holt zur Feier des Tages ein paar Kekse und Cola aus dem Gebüsch, die er dort immer gebunkert hat. Gemeinsam knabbern wir am Gebäck und gedenken auch des Käfers mit ein paar Krümeln. Wir liegen rücklings im Gras und versuchen Gesichter, Gegenstände oder andere Dinge in den Wolken zu entdecken. Wir lachen, kuscheln, kichern und vergessen die Zeit.

Und wie ich so da liege und blinzelnd in die Wolken schaue, bemerke ich, dass mein Hamster endlich schläft.

Advertisements

Mutters(chw)ein

6 Jan

In einer besonders couragierten Phase meines Lebens habe ich Kinder gezeugt. Rückwirkend bin ich aber nicht sicher, in wie weit Verliebtheitshormone und andere halluzinogene Substanzen bei der größten Entscheidung meines bisherigen Lebens eine Rolle spielten.

Jetzt habe ich drei kleine Kinder und ein Problem. Andere Mütter.

Es bleibt sicher nicht aus, dass, wenn man Kinder hat, sich Gesprächsthemen häufig um Kinder drehen. Ich selbst hätte nie geglaubt, wie umfangreich man über Windeln referieren kann. Mittlerweile belaufen sich die aufgelaufenen Kosten unserer Fäkalienfänger auf dem Niveau eines Neuwagens. Insofern höre ich mir Ratschläge von erfahrenen Müttern auch gerne an, wenn ich auf der anderen Seite etwas einsparen kann.

Überraschender Weise sind es nicht diese herzlichen Mütter, die mich nerven, es sind diese Super-Mamis, die ihr Muttersein wie einen Workflow abarbeiten und ihren Nachwuchs behandeln wie ihr Projekt. Ich spüre den unglaublichen Druck, der auf diesen Frauen lastet. Sie gebären sich wie übereifrige Projekt-Managerinnen, die ihrer Brut alles bieten wollen, was die Start- und Aufstiegschancen im Leben vermeintlich erhöhen.

Panik kommt auf, wenn die kleine Hanna Leonie mit 5 Monaten noch nicht sitzen kann. Sofort werden dramatische Entwicklungsverzögerungen vermutet und sie rennen in die Notaufnahme. Mit „das verwächst sich schon“, mache ich mir einfach keine Freundinnen auf dem Spielplatz. Und ich mag auch nicht mit dem kleinen Leon Lucas darüber diskutieren, warum er meinem Sohn nicht mit der Schippe auf den Schädel hauen darf. Das Ding wird von mir mit bösem Blick wieder eingezogen. Und das war´s.

Heerscharen von Müttern karren auf dem Rücksitz eine ganze Generation zu allen möglichen Alpha- Kinder-Veranstaltungen: Baby-Yoga, Gebärden-Sprachkuse, Malen nach Zahlen… Ich kenne 6-järige, deren Terminkalender es locker mit dem eines Top-Manager aufnehmen könnte. Unterm Strich ist es aber der verängstigte Versuch einer erodierenden Mittelschicht, sich vor dem Proletariat abzugrenzen und sich gleichzeitig eine Elitezugehörigkeit vorzugaukeln.

Ich halte mich so gut es geht von diesem Stress fern und versuche meine Kinder Kind sein zu lassen. Wichtiger finde ich, ist ihre Neugier zu wecken, ihre Beobachtungsgabe zu entwickeln, und ihnen zu helfen, die richtigen Fragen zu formulieren. Das klappt übrigens ganz prima von zu Hause. Ich habe Zuversicht, dass sich der Rest dann von alleine einstellt. So wie bei mir damals.

Ich ging zu Schule, machte am Nachmittag leidlich meine Hausaufgaben und begab mich danach auf die Straße zum Spielen. Manchmal spielten wir Federball. Manchmal hingen wir kopfüber von einer Teppichstange und waren ein Zirkus. Manchmal malten wir uns auch nur mit Stöcken einen Wohnungsgrundriss in den Kies und mimten Vater-Mutter-Kind. Wir hatten kein Handy. Wir stromerten durch unser Viertel, und meine Eltern wussten häufig für Stunden nicht wo ich bin. Abends kam ich mit aufgeschürften Knien nach Hause und wurde ohne große Fragen mit einem warmen Kakao, einer Schinkenstulle und einem Pflaster liebevoll verarztet.

Ich machte Abitur, lernte was kaufmännisches und studierte was technisches. Ich spreche 5 Sprachen, verstehe die komplexen Sachverhalte in der Weltpolitik und kann spontan meinen Heimatort auf der Weltkarte finden. Ich habe eine wunderbare Familie und einen Job, den ich gerne mache.Ich habe mir meinen Erkenntnisdrang, meinen Spieltrieb und meine Neugierde bewahrt. Ich komme einfach zurecht.

Das liegt  wohl daran, dass meine Eltern Vertrauen in mich hatten, und mich ließen, frühzeitig meine eigenen kleinen Wege zu gehen.

Und für diese Gelassenheit bin ich ihnen unendlich dankbar.

Ich will doch nur Hiebe

27 Dez

Jeder Mensch will geliebt werden. Und jeder Mensch würde gerne jemanden lieben.  Na, dann ist ja alles in bester Ordnung.  Müsste man meinen. Aber irgendwie findet sie kaum einer, die wahre Liebe.

Wir schütteln und rühren unseren persönlichen Gefühls-Cocktail aus dem was wir hoffen und erwarten und wundern uns, warum das Gebräu dem Partner nicht so wirklich schmeckt. Deswegen trinken wohl auch so viele Menschen, alleine an der Bar.
Der Mensch steht also ganz schön alleine da. Und weil wir so  viele sind und uns dabei im Weg rumstehen, spricht man auch von einem allgemeinen Gefühlsstau zwischen Mann und Frau.

Haben Sie mal frisch Verliebte bewusst beobachtet? Die kuscheln, die albern, die lachen. Ich finde, frisch Verliebte wirken besonders attraktiv und interessant. Das liegt vermutlich an dieser Lebendigkeit die sie ausstrahlen. Lebendigkeit im Gesichtsausdruck ist sowieso das beste Schönheitsmittel. Streuen Sie diese Information ruhig mal auf einer Botox-Party. Und achten Sie dann auf die Reaktionen in den Gesichtern.

Ich möchte aber nicht missverstanden werden. Ich beneide Verliebte ganz und gar nicht. Denn der Mensch, wenn er verliebt ist, ist im Grunde unzurechnungsfähig. Völlig plem-plem. Er müsste eigentlich vorübergehend entmündigt werden. Denn ein Cocktail aus Dopanin, Adrenalin, Testosteron und Pheromonen sorgt dafür, dass wir für diese eine kurze Phase des Verliebtseins total den Verstand verlieren.

Und wenn wir dann wieder bei Sinnen sind, sind wir verheiratet, oder zumindest zusammengezogen. Und so glücklich, denn wir besitzen jetzt endlich was gemeinsam. Eine Postanschrift zum Beispiel. Und den Körper und das Konto des anderen. Das geht eine Weile auch ganz gut, aber dann, dann passiert es.

Es passiert nichts mehr. Wir lassen nach. Man muss sich nur einmal umschauen. Es steht vielen Paaren quasi im Gesicht geschrieben. Ähnlich wie den Bäumen, deren Alter man an den Jahresringen bestimmen kann. So kann man an den Gesichtsausdrücken die gemeinsamen Jahre abschätzen. Dabei gilt die Faustformel: Je lebloser, je länger.

Manchmal denkt man  melancholisch an die Anfänge zurück, und versucht eine Reanimation der Gefühle. Das Äußere wird wieder aufgepeppt. Durch eine neue Frisur zum Beispiel. Oder man besorgt sich neue Unterwäsche , oder wechselt sie wieder zumindest häufiger. Dennoch. Einen Umstand muss man trotz aller Bemühungen akzeptieren: In der Zwischenzeit haben Schwerkraft und Fast-Food-Industrie bleibende Deformationen am Körper erzeugt.

Manche Verunstaltung kann man bestimmt kaschieren.  Mit einem Rolkragenpullover vielleicht, oder einer Burka. Man kann auch das Licht stärker dimmen und das Haus nur nach Sonnenuntergang verlassen. Oder, man verlässt sich auf die natürliche Sehschärfeminderung des Partners, die mit dem Alter kommt.

Was auch immer wir auch tun um die Liebe zu erhalten. Eine Frage stellt sich immer wieder.

Kann man Liebe haben?

Wenn man das könnte, wäre die Liebe ein Ding, etwas, was man anfassen, was man besitzen kann. „Hey, Liebe! Bei Fuß! Du kommst jetzt her, und bleibst gefälligst bei mir sitzen, weil ich es will.“

Nun ist die Liebe kein Hund, die man nach Belieben abrichten kann. Liebe ist eher ein Vogel der Freiheit, um mal bei den Metaphern zu bleiben. Liebe gründet auf Freiwilligkeit, und deshalb ist die wahre Liebe auch so selten: denn die bekommt man in der Regel nur geschenkt.

Wen sich also der kleine Vogel irgendwann mal auf unserer Schulter niedergelassen gelassen hat, dann stellen wir beruhigt fest: der kann uns jetzt nicht mehr auf den Kopf scheißen. Aber der Köter, der kann uns immer ans Bein pinkeln.