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Zeig mir wie du läufst, und ich sag dir wer du bist.

6 Sep

Gestern wurde ich Zeuge eines Diebstahls.

Vielmehr sah ich einen untersetzen Mann in Badelatschen mit einer dicken Tüte weglaufen. Sein Laufstil wirkte unsportlich und unbeholfen, was vermutlich mit seiner Kondition und seinem Schuhwerk zusammen hing. Gefolgt wurde der Dieb von einem englischen Touristen indischer Abstammung mit vergleichbarer Kondition und ähnlicher Fußbekleidung. Der Bestohlene blieb ohne Puste stehen drehte sich zu mir und fragte:

„Have you seen the thief?“
„Yes I have“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„It was a Romanian!“ schrie der Inder aufgeregt.
„Did you talk to him?“, fragte ich.
„No. But he runs like a Romanian.“

Meine 25% rumänischen Gene üben gerade das Laufen. Der Rest von mir guckt zu und grinst still vor sich hin.

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STELLEN ODER NICHT STELLEN – DAS IST HIER DIE FRAGE.

9 Jan

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich mag Menschen. Wirklich. Hand auf´s Herz. Ich habe mit Ihnen meinen Frieden geschlossen. Ich akzeptiere ihre Schwächen und kann ihnen Ihre Stärken von Herzen gönnen. Aber es gibt eine spezielle Eigenart, mit der ich nach wie vor nicht klar komme.

Ich rede von der gemeinen Schwatzsucht.

Damit meine ich das Reden um des Redens Willen. Das Reden ohne Unterlass, das Vollgetextetwerden ohne Rücksicht. Das tragische Zusammentreffen zweier Welten. Was des einem ist seine süße Stille, ist dem anderen seine unerträgliche Leere. Nicht das es mich wirklich stört. Aber es langweilt mich ab einem bestimmten Punkt. Und ich finde, es ist mein gutes Recht.

Aber was jammere ich hier herum. Ich bin es auch selbst schuld. Anstatt mit kurzem Gruß und strammem Schritt einfach weiterzugehen, mache ich immer DEN entscheidenden Fehler. Ich bleibe stehen, und stelle eine kleine, scheinbar völlig harmlos wirkende Frage: „WIE GEHT´S DENN SO?“

„FRAG´ NICHT“, ist meist die stereotype Antwort. Mein Gegenüber betont es schon in einer Art und Weise, die mich ahnen lässt: Sie zu, dass du da ganz schnell weg kommst. Gleichzeigeitig ist die Antwort natürlich nicht erst gemeint. Mein Gesprächspartner nimmt in keinem Fall an, dass ich das nicht hören will. Denn keine Sekunde später startet er den Monolog. Dies ist genau der kurze Moment, in dem ich sagen könnte: „Ok, dann nicht. Schönen Tag noch.“ Leider ist das Überraschungsmoment besser trainiert als ich. Und so stehe ich wieder einmal da und höre mir gefühlte vier Jahreszeiten lang wirres Zeug an.

Diese Frage ist im Grunde keine harmlose Frage. Dies Frage hat zweifelsohne Potential zu einer militärischen Geheimwaffe. Denken wir mal zurück an Troja. Natürlich kann man sich spontan ein monströses Holzpferd in der Mittagshitze zusammenzimmern, dann vor die Stadtmauer rollen und voll auf die Neugier des Feindes setzen.
Das hätten die Griechen aber auch leichter haben können. Ein kräftiges: „WIE GEHT´S DENN SO?“ über die Festungsmauer gerufen, das hätte womöglich gereicht. Der Feind hätte sich mit seiner Quasselei bestimmt selbst ausser Gefecht gesetzt, und man hätte locker einmarschieren können.

Manchmal, wenn ich still und verträumt aufs Meer blicke, und darüber nachdenke, wie chaotisch doch im Grunde alles ist, möchte ich am liebsten ergriffen rufen: „NA?  GEHT´S EUCH AUCH ALLEN GUT, DA UNTEN?“
Mache ich aber nie. Weil ich Angst habe Atlantis zu entdecken. Und dass es aus der Versenkung auftaucht. 10.000 Jahre sind ja eine lange Zeit. Da ist sicherlich eine Menge passiert, und es gibt vieles, worüber man blubbern kann.

Ich passe neuerdings auf, wem ich diese Frage stelle. Und niemals mache ich das in Ufernähe. Vorzugsweise stelle ich sie solchen Menschen, die mir kurz und knapp mit einem „GUT GEHT´S“ antworten.  Und dann einfach weitergehen.

Und dann sehe ich ihnen lange nach. Und ärgere ich mich über sie.

Dass sie so kurz angebunden sind. Und nicht mal fragen, wie es mir so geht. Eigenlich läuft ja alles super.  Job. Familie. Aber die Diät schlägt nicht an. Dabei hab ich länger schon keine Süssigkeiten im Haus. Seit ich ein Kariesloch bei meiner Jüngsten gefunden habe. Meine Mutter war ja neulich zu Besuch. Ich hatte deswegen starke Antisepsis. Dabei sage ich mir immer wieder. Nein, diesmal wirst du  vorher nicht putzen. Sie muss auch irgenwann einmal deine innere Aufgeräumtheit anerkennen. Und dich endlich mal so annehmen, wie du bist. Eine sensible flodderige Frau mit brilliantem Kopf. Die lieber aus Staubflocken lustige Tiere in Form zupft. Eine Frau, die dieses natürlich nachwachsende Material nicht einfach unbedacht wegwischt. Gestern hab ich Midlife-Crisis gegoogelt. FRAGT´NICHT….

…was, ihr seid noch da?!

Verlegen, verlieren und nicht vinden

24 Jan

An einem guten Tag vergesse ich vielleicht mal einen Buchstaben. Aber an den restlichen, da läuft es bedeutend schlechter. An solchen Tagen ist meine Vergesslichkeit nämlich eine echte Zumutung für meine Familie, Freunde oder Außenstehende.

Ständig verlege ich Dinge. Meine Brille zum Beispiel, oder meine Autoschlüssel. Dann renne ich blind und verzweifelt umher und finde natürlich nichts. Und das ist erbärmlich anzusehen. Meistens hat  jemand der Anwesenden Mitleid und hilft mir beim Suchen. Mein Mann benötigt für das Finden meiner Brille mittlerweile unter drei Minuten. Das letzte Mal fand er sie im Kühlschrank, unten, im Gemüsefach, zwischen den Bierdosen. Nach jahrelangem Training ist er natürlich sehr erfahren im Aufstöbern meiner verlegten Wertsachen. Wir sind da ein eingespieltes Team. Ich weiß das wiederum sehr zu schätzen, und passe sehr auf, ihn nicht irgendwann auch noch zu verlieren.

Zum Dank vergesse ich dann gerne mal Geburtstage. Letzte Woche wollte ich mal wieder so ein von Herzen verspätetes Geschenk besorgen. Nur, ich kam gar nicht dazu, denn mein Auto war verschlossen. Also bin ich durch die kaputte Heckklappe einsteigen. Das brachte mich aber auch nicht wirklich weiter.  Heute Morgen habe ich die Schlüssel wieder gefunden. Aber jetzt habe ich vergessen, wo mein Auto parkt.

Wie ich es drehe und wende, mein Kopf scheint ständig zu klein zu sein für diese große Welt. Wie machen andere Menschen das bloß? Wie kommen die so durch den Tag? Wie kann man sich zum Beispiel die ganzen Details seiner 457 Facebook-Freunde merken?

Ich kann mir nicht einmal meine eigene Telefonnummer behalten. Aber die Zahl Pi kann ich mühelos zwölf Stellen nach dem Komma aufsagen. Mir ist auch bekannt, dass Indien aus 28 Bundesstaaten besteht und Jack the Ripper ein Linkshänder war. Wer hätte gedacht, dass das Herz eines Blauwals so an die 800 kg wiegt? Aber, was nutzt mir das? Finde ich deswegen mein Auto wieder?

Mein Kopf ist vollgemüllt mit nutzlosem Wissen. Ist ja auch kein Wunder. Mein ganzes Leben lang war ich verschiedenen Bildungsanstalten und allerhand Medien schutzlos ausgeliefert. Für das praktische Leben bleibt da jetzt nicht mehr viel Erinnerung übrig. Ohne eine tägliche To-do-Liste setzte ich keinen Fuß vor die Tür, sonst verliere ich mich eines Tages noch selbst.

Vom Vergessen ist es auch nur ein kleiner Schritt zum Verlieren. Damit meine ich nicht, wenn etwa ein Ohrring in den Gully fällt. Natürlich ist der weg, aber grob weiß man ja noch, wo er sich befindet. Ich meine eher den Zustand der totalen Dematrialisierung von Gegenständen. Eben noch da, und – schwuuupp – weg.

Nach genau 10 Tagen erkläre ich einen verlegten Gegenstand offiziell als verloren. Da gehe ich völlig professionell mit um. Ja, ich bin ein Verlierer. Das sage ich stolz und mit erhobenem Kopf schamlos frei heraus.

In neun von zehn Fällen sind wir doch Verlierer. Mal verlieren wir den Job oder den Partner, mal den Führerschein oder das Portemonnaie, häufig die Geduld und zum Schluss sogar unser Leben. Auch wenn es am Ende des Tages nur ein Büschel Haare ist. Weg ist weg. Ich fühle mich dem Verlierer einfach näher als dem Gewinner.

Glücklicherweise treffe ich erstaunlich viele Menschen, die das ähnlich sehen wie ich. Wenn auch in umgekehrtem Verhältnis. Aber das stört mich nicht. Im Gegenteil. Ich freue mir ein riesiges Loch in den Bauch. Denn so gewinne ich immer wieder herrlich schrägen Stoff für neue Geschichten.

Essstörungen und andere Erbrechen

17 Jan

Nudel- oder Kartoffelsalat? Kotelett oder Würstchen? Wer bringt Aspirin mit? Das waren die bedeutenten Fragen des Abends, wenn ich mich früher mit Freunden zum Essen getroffen habe. Meist waren das auch ganz entspannte Abende. Heute fragt das keiner mehr. Alle sind so ernährungsbewusst geworden. So gesund. Alle wollen fit bleiben bis ins hohe Alter. Oder sie wollen zumindest abnehmen.

Wenn ich heute drei Freunde zum Essen einladen will, brauche ich kein Kochbuch mehr. Ich brauche Mathenachhilfe. Weil ich für das Menü die Schnittmenge aus vegetarisch, vollwertköstlich und vegan bilden muss. Pi mal Daumen bleiben dann Nüsse und Datteln übrig. Und Löwenzahn  zum Beispiel . Für so ein Grün muss ich zum Glück nicht zum Markt laufen. Das ganze Unkraut wuchert direkt in meinem Garten. Und zwar in der Ecke, in der mein dicker Kater am liebsten markiert.

Vor ein paar Tagen hatte ich ein paar Freunde zum Essen eingeladen, und alles war prima schnittmengenoptimiert. Aber dann kam Veggie unerwartet in Begleitung seiner neuen Freundin. Zu Glück ist die aber Bulimikerin. Ich habe dann einfach noch reichlich minderwertige Kohlenhydrate auf den Tisch gestellt. Unterm Strich ist es ja egal, was sie da wieder raukotzt. Wegen der Menge war ich zunächst etwas besorgt, die langen ja bekanntlich ordentlich zu. Zum Glück macht sie aber gerade KDH – Kotz Die Hälfte.

Und wie immer in diesen gesunden Runden, meldet sich dann im Laufe des Abends mein schlechtes Gewissen. Warum sind die anderen so erleuchtet und ich so unterbelichtet? Warum bin ich innerlich so vergiftet und die anderen so rein? Und, warum schmeckt das alles hier so scheiße?

Für solche Momente, wenn mein Geist stark, aber mein Fleisch schwach ist, habe ich ein Kotelett mit Kartoffelsalat im Badezimmer versteckt. Im  Wäschekorb wartet meine eingetupperte Schlechtkost auf mich. Und die lasse ich mir heimlich auf dem Klo dann richtig gut schmecken. Aus Protest stecke ich mir noch einen Erbeer-Lolly in den Po. So, ihr könnt mich jetzt alle mal. Mir schmeckt´s und es macht mich glücklich.

Und wie immer nach solchen Abenden, bin ich am nächsten Morgen aufgewacht, mir war schlecht, und ich bin zur Toilette getorkelt. Meine Pipi war gallegrün. Das Ende! Eine Vergiftung im Endstadium! Da kann nur noch der Notarzt was tun. Und wenn, auch nur noch den Totenschein ausstellen.

Gut das der Mann gleich kam. Er diagnostizierte eine äußerst seltene Mischfarbe 1. Grades. Aber die hatte nichts mit meinem Soilent-Grün-Menü vom Vorabend zu tun, sondern mit meinem blauen Klostein. Puh! Noch mal gutgegangen. Aber, die Völlerei muss endlich ein Ende haben.

Da steh´ ich nun ich armer Thor und bis so krank wie nie zuvor!

Ich Idiot! Ich könnte den Krebs besiegen, Aids, Demenz, Flatulenz und andere Geiseln der Menschheit. Ich könnte Salatdressing teilen oder wenigstens drüberlaufen.

Dafür müsste ich mich gesund ernähren und ausschließlich nur das fressen, was die Ernährungs-Gurus vorkauen. Dann werde ich nie krank. Niemals. Dann wird sich jede Zivilisationskrankheit vor mir fürchten. Denn ich habe Superkräfte, wie ein Highlander. Und es kann ja nur einen Kohlkopf geben.

Und an dieser Stelle frage ich mich immer wieder, was diese Besser-Esser denn so dahinrafft.  Woran sterben Veganer? Laufen die vor den Bus? Oder Rohköstler? Verwelken die?  Ich weiß es nicht.

Aber, die viel spannendere Frage lautet doch, wo gehen sie danach hin?

Das Paradies kann es ja keinesfalls sein, Früchte vom Baum pflücken ist da nicht so gern gesehen. Das ist der vitamine Super-Gau. Einmal genascht, und man hat lebenslanges Hausverbot.

Fahren die zur Hölle? Da wird traditionell ja geschmort und geröstet. Hier verkochen alle Vitamine und verpuffen alle Nährstoffe. Hierher verirrt sich bestimmt auch kein Besseresser.

In die ewigen Jagdgründe? Da kriegen einen Vegetarier doch keine 10 Pferde rein.

Wenn diese Gesund-Esser mal von uns gegangen sind, wo gehen sie anschließend hin? Irgendwo müssen sie doch hin. Antimaterie muss es ja schließlich auch irgendwo hin.

Deswegen habe ich mir ein neues Jenseits ausgedacht, und bitte jetzt mal alle Bauernfänger und Freizeit-Gurus um ihre geschätzte Aufmerksamkeit, denn hier ist noch so viel Potential für irdische Abzocke vorhanden:

Bienen spucken Honig durch die Lüfte, Sojamilch fließt in Sturzbächen die Hänge herab und der Joghurt dreht selbstverständlich nur rechts herum. Hier schmeckt sogar das Tofu und besitzt auch seine eigene Farbe. Und am Flussufer sitzt eine Gruppe Chinesen und schnitzt filigrane Tier-Silhouetten aus Bio-Möhren.

Die todsicheren Tipps, wie man in das Ernährungsparadies hineinkommt, kann man in der Guru-Fibel nachlesen. Die Fibel-Bibel wäre allerdings noch zu drucken. Und noch zu texten.

Also, wenn Sie noch einen Texter brauchen, ich könnte das für sie machen…

Zahlzeit! Und guten Profitit!