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Ich bin migriert. Und das ist auch gut so.

17 Dez

50 % serbische, 25% rumänische und 25% volksdeutsche Anteile in mir haben es geschafft, einen völlig straf- und fast drogenfreien Platz in unserer Gesellschaft mit den Jahren zu finden. Ich kann zu Recht behaupten, dass ich ein Paradebeispiel für gelungene Migration bin. Und darauf bin ich sogar ein kleines bisschen stolz.

Immerhin hätte es auch anders kommen können, bei meinem Gen-Pool. Zum Beispiel hätte ich mich auch einer serbischen Schutzgelderpresser-Organisation anschließen können. Oder rumänischen Hütchenspielern. Ich könnte jetzt, statt diesen Text zu schreiben, auch in einer Donauschwaben-Trachtentruppe mitschunkeln. Stattdessen wurde aus mir aber eine komische Frau.

Dabei war ich nie der Typ Klassenclown. Eher war ich ein stilles stehendes Gewässer, und zum großen Teil ist meine schlimme Kindheit schuld. Meine Kindheit war aber auch so was von behütet. Keine Scheidung, keine häusliche Gewalt oder irgendetwas Asoziales, das ich als zynisches Frühwerk hätte humorvoll verarbeiten können.

Statt dessen gab´s bei uns Friede, Freude, Palatschinken. Meine Eltern backen heute noch glückliche Eierkuchen zusammen, und sie wollten, dass mir niemals die Eier dafür ausgehen. Deshalb sind sie aus dem ehemaligen Jugoslawien auswandert. Und da der Slawe in der Regel ein geselliger Familienmensch ist, kam meine ganze Familiensippe auch gleich mit.

Was macht jetzt so ein sozialistisch geprägter Einwanderer? Wenn er aus einem Land der Diktatoren und Despoten in eines der Dichter und Denker migriert? Richtig. Er macht keinen Mucks und hält schön den Ball flach. Und die Papiere in Ordnung. Das ist ein alter Überlebensreflex. Du das prägt auch nachfolgende Generationen.
Deshalb war ich auch eine Musterschülerin, garantiert tintenkleks- und eselsohrenfrei, und ich war immer nett zu allen Lehrern. Und das allerwichtigste war dabei: Hübsch auszusehen. Und ich war ja so was von hübsch!

Aber, ich kann auch anders. Ich habe auch meine dunklen Seiten. Das erste Mal rebelliert habe ich mit 8. „Ein Klavier, ein Klavier!“ brüllte ich auf drei Oktaven. Mein Geschrei stieß aber auf 35* taube Ohren. Zum einen war das Ersparte draufgegangen für die gefälschten Visa. Zum anderen hatten wir ein Platzproblem. Unsere Wohnung war überfüllt mit den vielen Koffern meiner Verwandten. Und den Verwandten natürlich auch. „Gut, dann wenigstens eine Gitarre“ trotzte ich weiter. Ich habe noch ganz deutlich meine Omama im Ohr. Das pfeift heute noch:

„Kiend,
was bitscheen du willst mit Gitarra?
Bist du wunderscheene Mädsche.
Warum du nix schpielen auch wunderscheene Instrument?
Mit fil Gefiel und so scheene Klang.
Akkordeon. Wie in Heimat.“

Noch ehe ich verstand was passierte, hielten mich mein Onkel Slavko und ein Cousin 2.Grades fest, und meine Omama schnallte mir ein Akkordeon um. Dabei hatten sie die Lederriemen so derbe angezogen, dass ich das Ding die nächsten zehn Jahre nicht abbekam.

Aber ich will nicht klagen. Es waren auch gute Lehrjahre, die mich stark machten. Akkordeonspielen geht nämlich ganz schön in die Arme. Und dann war da noch der Spott meiner Mitmenschen.
Wer schon einmal einen überdimensionalen Akordeonkoffer regelmäßig durch seinen Ort rollen musste, weiß, wovon ich rede.

Kurz vor meinem Abitur hatte ich die Gurte dann endlich durchgebissen, und meine neue Freiheit sofort für einen neuen Rebellionsversuch genutzt. Ich nahm meinen ganzen Mut und teilte meiner Familie mit, dass ich die Lehrstelle auf dem Einwohnermeldeamt ausschlagen, und stattdessen vielleicht Philosophie studieren möchte. Das ich nicht mehr nur darauf reduziert werden wollte eine hohle, wenn auch hübsche Bratze zu sein. Die Reaktion war nicht wirklich überraschend:

“Kiend!
Und dafier wier sind barfiesig iber Balkan geloofen?
Haben Hof und Viech selbst sich iberlasen?
Damiet du deine Zukunft wegschmejst?

Philosofi? So ejn Bledsinn!
Im Kreis auf Stiehlen sitzan und darieber diskutieran,
warum iest ein Stuhl ein Stuhl?
Das doch ist kejn Beruf.
Stiehle machen, DAS ist Beruf!“

Wer meine Omama kannte…Aber ich wiederhole mich.

Ich muss sicher nicht erwähnen, dass meine Familie genauso völlig verstört auf mein komisches Outing reagiert hat. Mein Vater probt seit dem schon mal trocken auf der Couch sich im Grabe umzudrehen. Und meiner Mutter gehen langsam die Heiligen aus, die sie noch anbeten könnte. Und Omama…

“Kiend,
bisdu so hiebsche Frau,
hasdu studiert,
musdu nix machen so was.
Kansdu haben gute Mann,
scheene Haus, scheene Auto.
Gugsdu, alle lachen iber dich.
Was sollen Nachbarn denka?
Und, bisdu verrickt Witza machen,
ieber Politika und Kircha?!
Wirsdu verhaftet!
Und kommst in Helle!“

Liebste Omama, ich kann dich beruhigen. Ich fühle mich himmlisch dabei. Und darüber freue ich mich höllisch.

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*das 36. hat mein Onkel Franjo im 2. Weltkrieg verloren. Und darf streng genommen nicht mitgezählt werden.

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