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STELLEN ODER NICHT STELLEN – DAS IST HIER DIE FRAGE.

9 Jan

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich mag Menschen. Wirklich. Hand auf´s Herz. Ich habe mit Ihnen meinen Frieden geschlossen. Ich akzeptiere ihre Schwächen und kann ihnen Ihre Stärken von Herzen gönnen. Aber es gibt eine spezielle Eigenart, mit der ich nach wie vor nicht klar komme.

Ich rede von der gemeinen Schwatzsucht.

Damit meine ich das Reden um des Redens Willen. Das Reden ohne Unterlass, das Vollgetextetwerden ohne Rücksicht. Das tragische Zusammentreffen zweier Welten. Was des einem ist seine süße Stille, ist dem anderen seine unerträgliche Leere. Nicht das es mich wirklich stört. Aber es langweilt mich ab einem bestimmten Punkt. Und ich finde, es ist mein gutes Recht.

Aber was jammere ich hier herum. Ich bin es auch selbst schuld. Anstatt mit kurzem Gruß und strammem Schritt einfach weiterzugehen, mache ich immer DEN entscheidenden Fehler. Ich bleibe stehen, und stelle eine kleine, scheinbar völlig harmlos wirkende Frage: „WIE GEHT´S DENN SO?“

„FRAG´ NICHT“, ist meist die stereotype Antwort. Mein Gegenüber betont es schon in einer Art und Weise, die mich ahnen lässt: Sie zu, dass du da ganz schnell weg kommst. Gleichzeigeitig ist die Antwort natürlich nicht erst gemeint. Mein Gesprächspartner nimmt in keinem Fall an, dass ich das nicht hören will. Denn keine Sekunde später startet er den Monolog. Dies ist genau der kurze Moment, in dem ich sagen könnte: „Ok, dann nicht. Schönen Tag noch.“ Leider ist das Überraschungsmoment besser trainiert als ich. Und so stehe ich wieder einmal da und höre mir gefühlte vier Jahreszeiten lang wirres Zeug an.

Diese Frage ist im Grunde keine harmlose Frage. Dies Frage hat zweifelsohne Potential zu einer militärischen Geheimwaffe. Denken wir mal zurück an Troja. Natürlich kann man sich spontan ein monströses Holzpferd in der Mittagshitze zusammenzimmern, dann vor die Stadtmauer rollen und voll auf die Neugier des Feindes setzen.
Das hätten die Griechen aber auch leichter haben können. Ein kräftiges: „WIE GEHT´S DENN SO?“ über die Festungsmauer gerufen, das hätte womöglich gereicht. Der Feind hätte sich mit seiner Quasselei bestimmt selbst ausser Gefecht gesetzt, und man hätte locker einmarschieren können.

Manchmal, wenn ich still und verträumt aufs Meer blicke, und darüber nachdenke, wie chaotisch doch im Grunde alles ist, möchte ich am liebsten ergriffen rufen: „NA?  GEHT´S EUCH AUCH ALLEN GUT, DA UNTEN?“
Mache ich aber nie. Weil ich Angst habe Atlantis zu entdecken. Und dass es aus der Versenkung auftaucht. 10.000 Jahre sind ja eine lange Zeit. Da ist sicherlich eine Menge passiert, und es gibt vieles, worüber man blubbern kann.

Ich passe neuerdings auf, wem ich diese Frage stelle. Und niemals mache ich das in Ufernähe. Vorzugsweise stelle ich sie solchen Menschen, die mir kurz und knapp mit einem „GUT GEHT´S“ antworten.  Und dann einfach weitergehen.

Und dann sehe ich ihnen lange nach. Und ärgere ich mich über sie.

Dass sie so kurz angebunden sind. Und nicht mal fragen, wie es mir so geht. Eigenlich läuft ja alles super.  Job. Familie. Aber die Diät schlägt nicht an. Dabei hab ich länger schon keine Süssigkeiten im Haus. Seit ich ein Kariesloch bei meiner Jüngsten gefunden habe. Meine Mutter war ja neulich zu Besuch. Ich hatte deswegen starke Antisepsis. Dabei sage ich mir immer wieder. Nein, diesmal wirst du  vorher nicht putzen. Sie muss auch irgenwann einmal deine innere Aufgeräumtheit anerkennen. Und dich endlich mal so annehmen, wie du bist. Eine sensible flodderige Frau mit brilliantem Kopf. Die lieber aus Staubflocken lustige Tiere in Form zupft. Eine Frau, die dieses natürlich nachwachsende Material nicht einfach unbedacht wegwischt. Gestern hab ich Midlife-Crisis gegoogelt. FRAGT´NICHT….

…was, ihr seid noch da?!

Muttertag

8 Mai

Dass Muttertag ist, bemerke ich meist am Anruf meines Vaters, der mich diskret daran erinnert Mama anzurufen.
So sehr ich mich auch bemühe, ich kann diesem Tag einfach nichts abgewinnen. Dabei bringe ich doch alle Voraussetzungen mit. Meine Mutter freut sich in hohem Alter bester Gesundheit und ich selbst bin späte Mutter mit sehr vielen sehr jungen Kindern.

Heute ist also Muttertag.
Denke ich aber an Muttertag, denke ich spontan an amerikanische und finnische Horrorfilme.

Es liegt vermutlich daran, dass ich zum Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber keine innige Beziehung pflege. Das sind nämlich die, die vor rund 90 Jahren zu Ehren der Mutter, und zum Wohl der eigenen Kasse den Muttertag als den „Tag der Blumenwünsche“ etabliert haben.
Natürlich bin ich dafür den Einzelhandel zu unterstützen. Deshalb gehe ich zum Beispiel zum Friseur. oder Döner essen. Und mein Obst und und Gemüse hole ich auch gleich dort.

Meine Familie fragt mich immer, ob ich an Muttertag irgendwelche Wünsche habe. Gut, dass sie fragen. Ja. Zufällig hab ich welche. Ich wünsche mir, über das ganze Jahr verteilte Aufmekrsamkeit. In normalen unspektakulären Maßen.
Und dann noch das: Lasst sie am Leben! Von mir aus packt sie in den Topf. Aber nicht schneiden.
Bitte! Bitte! Bloß das nicht! Was soll man mit Schnittblumen denn anfangen?
Der kurze Moment ihrer schmückenden Schönheit kann doch nicht wirklich darüber hinwegtäuschen,
dass man ihren toten Körpern nur beim Verwelken zuschaut. Spätestens nach acht Tagen muss man ihren Bio-Kadaver entsorgen.

Das will ich nicht. Beerdigungen ziehen mich immer so runter.

Deshalb bekomme ich von meinen Kindern, meist einen Tag nach Muttertag, hektisch gebastelte Geschenke. Denn auch sie vergessen diesen Tag regelmäßig.

Ich mag es ja nicht so sagen. Man kennt das ja. Diese maßlose Überschätzung des eigenen Nachwuchses.
Aber ich habe wirklich ganz tolle Kinder. Sie sind so klug und so talentiert. Und sie basteln so gerne. Besonders kreativ sind sie in den Werbepausen.

Letztes Jahr habe ich ein dutzend Knetmännchen bekommen. Von der Sorteklein und missratenen. Mit unförmigen Körpern, dünnen Ärmchen und gruseligen Gesichtern. Davon habe ich schon jede Menge. Und es macht mich auch ein bisschen stolz, Ich habe eigens dafür ein Regal an die Wand gedübelt, um diesen Masters of Desasters einen gebührenden Platz geben.

Eigentlich wollte ich heute, etwas über den Muttertag schreiben. Schlussendlich ist es auch ein Text über Kinder geworden. Aber das ist gut so, denn Kinder sind einfach die Besten. Vielleicht sollten wir ab und zu an sie denken und ihnen unsere Beachtung schenken.

Zum Beispiel am 1 Juni. Da ist internationaler Kindertag. Selbstverständlich mit freundlicher Unterstützung des Deutschen Verbandes der Spielwarenindustrie.

Mutters(chw)ein

6 Jan

In einer besonders couragierten Phase meines Lebens habe ich Kinder gezeugt. Rückwirkend bin ich aber nicht sicher, in wie weit Verliebtheitshormone und andere halluzinogene Substanzen bei der größten Entscheidung meines bisherigen Lebens eine Rolle spielten.

Jetzt habe ich drei kleine Kinder und ein Problem. Andere Mütter.

Es bleibt sicher nicht aus, dass, wenn man Kinder hat, sich Gesprächsthemen häufig um Kinder drehen. Ich selbst hätte nie geglaubt, wie umfangreich man über Windeln referieren kann. Mittlerweile belaufen sich die aufgelaufenen Kosten unserer Fäkalienfänger auf dem Niveau eines Neuwagens. Insofern höre ich mir Ratschläge von erfahrenen Müttern auch gerne an, wenn ich auf der anderen Seite etwas einsparen kann.

Überraschender Weise sind es nicht diese herzlichen Mütter, die mich nerven, es sind diese Super-Mamis, die ihr Muttersein wie einen Workflow abarbeiten und ihren Nachwuchs behandeln wie ihr Projekt. Ich spüre den unglaublichen Druck, der auf diesen Frauen lastet. Sie gebären sich wie übereifrige Projekt-Managerinnen, die ihrer Brut alles bieten wollen, was die Start- und Aufstiegschancen im Leben vermeintlich erhöhen.

Panik kommt auf, wenn die kleine Hanna Leonie mit 5 Monaten noch nicht sitzen kann. Sofort werden dramatische Entwicklungsverzögerungen vermutet und sie rennen in die Notaufnahme. Mit „das verwächst sich schon“, mache ich mir einfach keine Freundinnen auf dem Spielplatz. Und ich mag auch nicht mit dem kleinen Leon Lucas darüber diskutieren, warum er meinem Sohn nicht mit der Schippe auf den Schädel hauen darf. Das Ding wird von mir mit bösem Blick wieder eingezogen. Und das war´s.

Heerscharen von Müttern karren auf dem Rücksitz eine ganze Generation zu allen möglichen Alpha- Kinder-Veranstaltungen: Baby-Yoga, Gebärden-Sprachkuse, Malen nach Zahlen… Ich kenne 6-järige, deren Terminkalender es locker mit dem eines Top-Manager aufnehmen könnte. Unterm Strich ist es aber der verängstigte Versuch einer erodierenden Mittelschicht, sich vor dem Proletariat abzugrenzen und sich gleichzeitig eine Elitezugehörigkeit vorzugaukeln.

Ich halte mich so gut es geht von diesem Stress fern und versuche meine Kinder Kind sein zu lassen. Wichtiger finde ich, ist ihre Neugier zu wecken, ihre Beobachtungsgabe zu entwickeln, und ihnen zu helfen, die richtigen Fragen zu formulieren. Das klappt übrigens ganz prima von zu Hause. Ich habe Zuversicht, dass sich der Rest dann von alleine einstellt. So wie bei mir damals.

Ich ging zu Schule, machte am Nachmittag leidlich meine Hausaufgaben und begab mich danach auf die Straße zum Spielen. Manchmal spielten wir Federball. Manchmal hingen wir kopfüber von einer Teppichstange und waren ein Zirkus. Manchmal malten wir uns auch nur mit Stöcken einen Wohnungsgrundriss in den Kies und mimten Vater-Mutter-Kind. Wir hatten kein Handy. Wir stromerten durch unser Viertel, und meine Eltern wussten häufig für Stunden nicht wo ich bin. Abends kam ich mit aufgeschürften Knien nach Hause und wurde ohne große Fragen mit einem warmen Kakao, einer Schinkenstulle und einem Pflaster liebevoll verarztet.

Ich machte Abitur, lernte was kaufmännisches und studierte was technisches. Ich spreche 5 Sprachen, verstehe die komplexen Sachverhalte in der Weltpolitik und kann spontan meinen Heimatort auf der Weltkarte finden. Ich habe eine wunderbare Familie und einen Job, den ich gerne mache.Ich habe mir meinen Erkenntnisdrang, meinen Spieltrieb und meine Neugierde bewahrt. Ich komme einfach zurecht.

Das liegt  wohl daran, dass meine Eltern Vertrauen in mich hatten, und mich ließen, frühzeitig meine eigenen kleinen Wege zu gehen.

Und für diese Gelassenheit bin ich ihnen unendlich dankbar.