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Urlaubspost

22 Aug

Ich hab Urlaub.

Endlich mal wieder Zeit für mich. Zeit zum Lesen beispielsweise. Oder zum Beantworten liegengebliebener Emails von Kollegen.

Heute las ich in der Zeitung, dass 62% der Deutschen im Urlaub vom Job gestört werden. Durch Emails und Fragen wie, wo denn ein bestimmtes Dokument abgespeichert sei. Ob Kollege Bauer den  Joghurt essen könne, den man im Firmenkühlschrank vergessen hat. Oder, ob man früher zurückkommen könne, um Urlaubsvertretung zu machen. Für die andere Kollegin, die auch gerade in Urlaub sei.

Ich gehöre auch zu den restlichen 38% Urlauber, die im Urlaub durch frühmorgentliche Anrufe der Eltern geweckt werden.

„Ach Kind, wie schön! Endlich haste Urlaub. Sie zu, dass du dich was entspannst. Und schlaf dich endlich mal richtig aus.“

Da liege ich nun, morgens um halb sieben, und denke darüber nach. Wie ich als junge Führungskraft in den 90ern drei Wochen in Urlaub gefahren bin. Ohne Internet. Ohne Handy. Ich war weg. UNERREICHBAR.

Wunderbar.

Vorzugsweise fuhr ich mit dem Auto nach Spanien. Wenn ich besonders gut drauf war, fuhr ich einfach weiter durch bis Portugal. War ja sowieso egal. Kein Mensch wusste, wo ich bin. Kein GPS dieser Welt konnte mich orten.

Ungefähr nach 2 Tagen des Eingewöhnens am Urlaubsziel habe ich mich dann zu Hause meist gemeldet. Aus einem dieser Call-Center, die es damals noch gab. Für die Jüngeren unter uns: Das waren die Vorgänger von Internet-Cafes, nur mit Telefonen. Teilweise noch mit Wählscheibe. Ich kaufte also für umgerechnet zwei Mark Telefonmünzen, bekam eine Kabine zugewiesen, und konnte anrufen:

“ Hallo? ..Hallo?.. Hörst du mich? …Knackt ein bisschen. …Ja. Mir geht´s gut….Alles prima. ….Super durchgekommen. Kein Stau. …..Wetter ist eine Wucht…..Hotel is auch supi……Der Strand auch.. ….Bin in….ähhh?…Wie heißt der Ort noch mal hier?…Oh Mist, die 2 Mark sind gleich durch….. Ich schreib noch ´ne Postkarte.“

Bis dahin sollte noch jede Menge anonyme und freie Zeit vergehen,  in der ich machen konnte, was ich will. Zum Beispiel stundenlang ungestört Fische beobachten. Oder betrunken in Hafenkneipen mit einheimischen Fischern einen herzzerreisenden Fado singen. Es bestand keine Gefahr, dass peinliche Fotos auf facebook landen, die mich als Fisch-Stalkerin outen. Und dass meine Kollegen morgens um 9:00 schon vor mir Bescheid wissen. Während ich noch ahnungslos im Bett liege und den portugiesischen Wein im Schlaf abbaue.

Etwa in der Mitte des Urlaubs , hielt ich dann auch Wort. Der Postkarten-Tag war gekommen.  Schliesslich sollte die Postkarte früher ankommen, als man selbst.  Für alle unter 20-jährigen zur Erklärung:, Die Postkarte ist so etwas wie der analoge Vorgänger von WhatsApp mit Bildanlage.

Die Bilder der Postkarte waren bereits fertig, und als wilde Kollage auf der Vorderseite der Karte abgedruckt. Die Rückseite war für den persönlichen Text vorgesehen. Ähnlich wie bei Twitter, waren die Zeichen durch die die Kartengrösse begrenzt. Natürlich habe ich mir die Postkarten ausgesucht mit dem größten Neideffekt und schrieb an meine Familie, Freunde und die Arbeitskollegen meist folgenden Text:

Wetter ist eine Wucht…..Hotel is auch supi……Der Strand auch…Bin in…ähhh?….das seht ihr ja auf der Vorderseite. Sonnige Grüsse!

Nach weiteren drei Tagen hatte ich es meist auch geschafft eine portugiesische Post zu finden, Briefmarken zu kaufen und meine Text-Bildnachricht endlich auf den Weg in die Heimat zu bringen.

Vereinzelt sieht man heute alte Menschen, die in Strand-Cafes sitzen, und in vorbildhafter Sütterlin-Schrift ihre Grüsse an die Lieben daheim gebliebenen schicken. Postkarten sterben genauso aus, wie diese Rentner. Genauso, wie Kodak-Filme und Schlecker-Märkte.

Nach drei Wochen war ich dann wieder zu Hause, und aus dem Urlaub zurück. Nach dem Auspacken meines Koffers stellte ich immer wieder erstaunt fest:  Die Erde hatte sich trotzdem weitergedreht. Auch die Arbeit lief entsprechend weiter. Meine Postkarte hing bereits an der Wand zwischen anderen Postkarten verreister Kollegen.

Dann nahm ich Platz an meinem Schreibtisch. Sortierte mich ein bisschen, stellte das Willkommensgeschenk – ein Plastik-Fisch – neben meinen Apple II , und machte tiefenentspannt da weiter, wo ich vorher aufgehört hatte.

Geht doch.

Kopftuch vs. Kopf

17 Aug

Eine Iranerin erhält den Fields-Preis.

Für alle Mathe-Schwachen (und ich schliesse mich da nicht aus) sei erwähnt, dass es sich hierbei um die höchste Auszeichnung handelt, die eine Mathematikerin erhalten kann. Es ist sozusagen ein Nobelpreis für Rechenkünstler. Begehrt, wie ein Oscar bei Schauspielern.

Maryam Mirzykhani ist gleichzeitig auch die erste Frau überhaupt, der diese Ehre zu Teil wird.

Ich frage mich nun, was in so einem fundamental traditionalistischem Männerkopf nun vorgehen muss? Dessen dogmatische Kopftuch-Theorie sich auf genau drei Verse im Koran stützt? Die übrigens sehr vage, und dehalb von verschiedenen islamischen Strömungen auch verschieden interpretiert werden?

Die Riemannschen Vermutungen sind für Mathematiker der heilige Gral, den sie finden wollen. Maryam Mirzykhani wurde ausgezeichnet für ihre herausragenden Erkenntnisse bei Riemannschen Flächen. Ihre Arbeit hat dabei verschiedene Gebiete der Mathematik wie algebraische Geometrie, Topologie und Wahrscheinlichkeitsrechnung zusammengebracht.

Drei wackelige Koran-Verse gegen drei Königsdisziplinen der Mathematik.

Mathematik ist, wie jede Wissenschaft, eine sehr freiheitliche Denkmethode. Kein Kopftuch dieser Welt kann groß genug sein, einen solchen Freigeist zu verdecken.

Jede Theorie gilt nur so lange als gesichert, bis sie durch eine bessere, eindeutigere ersetzt wird. Der Mensch irrt sich quasi nach oben, zum Wissen. Zum Erkennen. Vielleicht sogar einmal zur Weisheit.

Wer glauben muss, was andere sagen, ist ziemlich unfrei.Wer allerdings weiß, dass das Wissen über unsere Welt nur voläufig und verbesserungswürdig ist, der hat die Freiheit seine Einstellung zu verändern.

In Ermangelung an Kopftüchern ziehe ich meinen Hut vor diesem genialen Kopf.

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/maryam-mirzakhani-rohani-loest-debatte-ueber-kopftuch-aus-a-986480.html

Verlegen, verlieren und nicht vinden

24 Jan

An einem guten Tag vergesse ich vielleicht mal einen Buchstaben. Aber an den restlichen, da läuft es bedeutend schlechter. An solchen Tagen ist meine Vergesslichkeit nämlich eine echte Zumutung für meine Familie, Freunde oder Außenstehende.

Ständig verlege ich Dinge. Meine Brille zum Beispiel, oder meine Autoschlüssel. Dann renne ich blind und verzweifelt umher und finde natürlich nichts. Und das ist erbärmlich anzusehen. Meistens hat  jemand der Anwesenden Mitleid und hilft mir beim Suchen. Mein Mann benötigt für das Finden meiner Brille mittlerweile unter drei Minuten. Das letzte Mal fand er sie im Kühlschrank, unten, im Gemüsefach, zwischen den Bierdosen. Nach jahrelangem Training ist er natürlich sehr erfahren im Aufstöbern meiner verlegten Wertsachen. Wir sind da ein eingespieltes Team. Ich weiß das wiederum sehr zu schätzen, und passe sehr auf, ihn nicht irgendwann auch noch zu verlieren.

Zum Dank vergesse ich dann gerne mal Geburtstage. Letzte Woche wollte ich mal wieder so ein von Herzen verspätetes Geschenk besorgen. Nur, ich kam gar nicht dazu, denn mein Auto war verschlossen. Also bin ich durch die kaputte Heckklappe einsteigen. Das brachte mich aber auch nicht wirklich weiter.  Heute Morgen habe ich die Schlüssel wieder gefunden. Aber jetzt habe ich vergessen, wo mein Auto parkt.

Wie ich es drehe und wende, mein Kopf scheint ständig zu klein zu sein für diese große Welt. Wie machen andere Menschen das bloß? Wie kommen die so durch den Tag? Wie kann man sich zum Beispiel die ganzen Details seiner 457 Facebook-Freunde merken?

Ich kann mir nicht einmal meine eigene Telefonnummer behalten. Aber die Zahl Pi kann ich mühelos zwölf Stellen nach dem Komma aufsagen. Mir ist auch bekannt, dass Indien aus 28 Bundesstaaten besteht und Jack the Ripper ein Linkshänder war. Wer hätte gedacht, dass das Herz eines Blauwals so an die 800 kg wiegt? Aber, was nutzt mir das? Finde ich deswegen mein Auto wieder?

Mein Kopf ist vollgemüllt mit nutzlosem Wissen. Ist ja auch kein Wunder. Mein ganzes Leben lang war ich verschiedenen Bildungsanstalten und allerhand Medien schutzlos ausgeliefert. Für das praktische Leben bleibt da jetzt nicht mehr viel Erinnerung übrig. Ohne eine tägliche To-do-Liste setzte ich keinen Fuß vor die Tür, sonst verliere ich mich eines Tages noch selbst.

Vom Vergessen ist es auch nur ein kleiner Schritt zum Verlieren. Damit meine ich nicht, wenn etwa ein Ohrring in den Gully fällt. Natürlich ist der weg, aber grob weiß man ja noch, wo er sich befindet. Ich meine eher den Zustand der totalen Dematrialisierung von Gegenständen. Eben noch da, und – schwuuupp – weg.

Nach genau 10 Tagen erkläre ich einen verlegten Gegenstand offiziell als verloren. Da gehe ich völlig professionell mit um. Ja, ich bin ein Verlierer. Das sage ich stolz und mit erhobenem Kopf schamlos frei heraus.

In neun von zehn Fällen sind wir doch Verlierer. Mal verlieren wir den Job oder den Partner, mal den Führerschein oder das Portemonnaie, häufig die Geduld und zum Schluss sogar unser Leben. Auch wenn es am Ende des Tages nur ein Büschel Haare ist. Weg ist weg. Ich fühle mich dem Verlierer einfach näher als dem Gewinner.

Glücklicherweise treffe ich erstaunlich viele Menschen, die das ähnlich sehen wie ich. Wenn auch in umgekehrtem Verhältnis. Aber das stört mich nicht. Im Gegenteil. Ich freue mir ein riesiges Loch in den Bauch. Denn so gewinne ich immer wieder herrlich schrägen Stoff für neue Geschichten.